Warum ich an höhere Dimensionen glaube!

von Dr. Harald Zaun

H. Zaun: Wir wissen, dass die Evolution Leben hervorgebracht hat, das ausschließlich auf drei räumliche Dimensionen fokussiert ist. Es sieht so aus, als seien wir, der Homo sapiens sapiens, nicht mit der Gabe gesegnet, in höheren oder über höhere Dimensionen zu denken!

Prof. Lisa Randall: Oh, wir können über höhere Dimensionen, aber wohl nicht in höheren Dimensionen nachdenken (lacht)! Es ist wirklich nicht einfach, sie zu visualisieren. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir über sie nicht nachdenken können!

H. Zaun: Im Gegensatz zu uns Menschen leben Mikroben scheinbar in einer völlig anderen Welt - in einem Subkosmos. Diese Lebensformen könnten dennoch mit Fug und Recht behaupten, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Wir wissen, dass über ihnen mindestens noch ein weiterer Kosmos existiert. Befinden wir uns aber nicht in derselben Situation wie diese "bemitleidenswerten" Mikroben?

Prof. Lisa Randall: : (Lacht.) Nun, das ist wirklich eine gute Frage. Ich denke, dass wir diesen Aspekt oft vergessen. Wir denken, dass die Welt so ist, wie wir sie sehen. Vielmehr ist es aber so, dass es jenseits der Physik eine Menge Dinge gibt, die wir nicht direkt beobachten, dafür aber erforschen können.

H. Zaun: Glauben Sie, dass Wissenschaftler eines Tages Zugang zu höheren Dimensionen haben werden?

Prof. Lisa Randall: Das kommt darauf an, was Sie unter Zugang verstehen. Wenn Sie meinen, dass wir durch die Extradimensionen hindurch reisen können, dann werden wir wohl keinen Zugang erlangen. Aber das bedeutet nicht, dass ich irgendwelche Kontakte zu Extradimensionen nicht begrüßen würde.

H. Zaun: Glauben Sie, dass das Universum einst einer Singularität entschlüpft ist und möglicherweise in fernster Zukunft wieder in einer solchen enden wird?

Prof. Lisa Randall: Das ist eine sehr philosophische Frage. Ich glaube nicht, dass der Kosmos in einer Singularität enden wird. Wenigstens sieht es momentan nicht danach aus, als würde die kosmische Evolution in diese Richtung gehen. Ich verbinde mit Singularitäten mehr ein Symbol für eine Physik, die wir noch nicht verstehen.

H. Zaun: Ist das Urknall-Modell Ihrer Ansicht nach korrekt?

Prof. Lisa Randall: Das Lustige an dem Urknall-Modell ist, dass es uns fast alles über die Zeit "danach", also die einzelnen kosmischen Stadien nach dem Big Bang erzählt, aber nichts von dem, was ihren Beginn bedingt hat. Wir können über die Expansion des Kosmos, die Hubble-Konstante oder die Mikrowellen-Hintergrundstrahlung reden und diskutieren. Trotzdem weiß keiner, was vor oder während des Big Bang passiert ist.

H. Zaun: Es sieht aus, als hätte die Suche nach extrasolaren Planeten olympischen Charakter angenommen. Die Mannschaft, die den ersten erdähnlichen Planeten lokalisiert, erhält die Goldmedaille. Mit Blick auf die Jagd nach der so genannten Weltformel stellt sich die Frage: Herrscht zwischen den einzelnen Kosmologenteams ein ähnlicher Konkurrenzkampf?

Prof. Lisa Randall: (Lacht.) Wissen Sie, Kosmologen suchen eigentlich nicht wirklich nach der Weltformel, weil diesbezüglich die meisten Antworten jenseits ihrer Reichweite liegen. Kosmologen suchen vielmehr nach dem, was sie sehen können.

H. Zaun: Aber gibt es nicht einen Konkurrenzkampf zwischen den diversen Kosmologenteams in Ihrem Fachgebiet? Oder bestimmt hier ein konstruktiver Dialog das Mit- bzw. Gegeneinander?

Prof. Lisa Randall: Es gibt immer einen Konkurrenzkampf unter den Kosmologenteams, aber zugleich auch einen konstruktiven Dialog. Ich glaube, dass das ein Beleg dafür ist, dass Wissenschaft per se so einzigartig ist. Es gibt in der Tat Konkurrenz und Kooperation zur gleichen Zeit.

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