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Aus der Geschichte

aktualisierte Fassung von Gernot Meiser

Der faszinierende Anblick einer total verfinsterten Sonne hat die Menschheit von alters her beschäftigt. Schon im alten Griechenland gab es Theorien, nach denen eine Sonnenfinsternis vorhergesagt werden konnte. Dennoch war die plötzliche Verdunkelung der Sonne für die meisten Menschen so überraschend, dass es immer wieder zu außergewöhnlichen Reaktionen kam.

Dazu findet man in alten Überlieferungen unter anderem auch folgende Begebenheit von der der antike Historiker Herodot berichtete: Am 28. Mai 585 v. Chr. kam es im Bereich des Flusses Halys - im Nordosten der heutigen Türkei - während einer Schlacht zwischen den verfeindeten Armeen der Lyder und Meder zu einer totalen Sonnenfinsternis. Als sich dabei der Himmel verdunkelte, ließen die Kämpfer augenblicklich die Waffen fallen. Noch am selben Tag wurde auf dieses Zeichen des Himmels hin ein Friedensvertrag geschlossen.

Schlimme Folgen hatte auch die Pflichtvergessenheit zweier chinesischer Astronomen am Hofe des Kaisers Zhòng Kāng. Die kaiserlichen Beamten Hsi und Ho (auch Xī und Hé) waren als Astronomen auch für die Vorhersage von Sonnenfinsternissen zuständig. Im alten China glaubte man, dass bei einer Sonnenfinsternis ein böser Drache versucht, die Sonnen aufzufressen. Lautes Trommeln, Schreien und andere Geräusche konnten ihn aber vertreiben. Nach dem Buch der Urkunden (chin. shūjīng), einer chinesischen Chronik, kam es überraschend zu einer Sonnenfinsternis - vermutlich am 22. Oktober 2137 v.Chr. -, die die beiden nicht vorher gesagt hatten. 

Diese Unterlassungssünde der Herren Hi und Ho, die nach Ansicht der Chinesen beinahe der Sonne das Leben gekostet hätte, rief den Zorn des Kaisers hervor.Die beiden wurden zum Tode verurteilt:

Hier sind nun die Xi und He. Sie haben zugelassen, dass ihre Tugend untergraben wird, und sind vom Alkohol besessen. Sie haben die Pflichten ihres Amtes verletzt und ihre Posten verlassen. Sie waren die ersten, die die Regulierung der himmlischen (Körper) in Unordnung geraten ließen und ihre eigentliche Aufgabe weit von sich schoben. Am ersten Tag des letzten Herbstmonats trafen sich Sonne und Mond in Fang nicht harmonisch. Die blinden Musiker schlugen ihre Trommeln, die niederen Offiziere galoppierten, und das gemeine Volk, das in den öffentlichen Ämtern beschäftigt war, lief umher. Der Xi und der He aber hörten nichts und wussten nichts, als wären sie in ihren Ämtern (bloße) Stellvertreter der Toten - so dumm gingen sie in Sachen der himmlischen Erscheinungen in die Irre und machten sich dem von den früheren Königen bestimmten Tod schuldig. In den Statuten der Regierung heißt es: "Wenn sie der Zeit zuvorkommen, sollen sie ohne Gnade hingerichtet werden; wenn sie der Zeit hinterher sind, sollen sie ohne Gnade hingerichtet werden."

(Aus dem Kapitel Strafexpedition von Yin, übersetzt nach der englischen Fassung.)

Also bereits damals - immerhin 1.500 Jahre vor Thales (griech. Philosoph und Mathematiker) - dachte man an die Vorausberechnung einer Sonnenfinsternis und forderte sie von den Astronomen; solche Ereignisse spielten eine wichtige Rolle in der Verwaltung des Staates, und nur so ist die erwähnte strenge Bestrafung zu erklären.

Bei dieser Geschichte handelt es sich zugleich um die früheste Erwähnung einer Sonnenfinsternis. Zwar hat der Aberglaube der Menschen die Verfinsterung der Sonne durch den Mond mit seltsamen Prophezeihungen belegt, aber schon in der wissenschaftlichen Frühzeit hat man in Chaldäa (das antike Babylon) die astronomischen Zusammenhänge richtig erkannt und interpretiert.

Interessanterweise waren die Chinesen und die Chaldäer in ihren Forschungen und Berechnungsmöglichkeiten zur selben Zeit fast zu den gleichen Ergebnissen gelangt. Beide Völker entdeckten schon vor viertausend Jahren, daß Verfinsterungen von der Stellung des Mondes zur Sonne abhängen. Sie fanden, daß Sonnenfinsternisse nur während der Zeit des Neumondes stattfinden können, aber nicht zu jedem Neumond eintreten.

Aus diesen Aufzeichnungen geht eindeutig hervor, daß die Neigung der Mond- zur Erdbahn (Ekliptik) den Chaldäern bereits vor mehr als 2.300 Jahren bekannt gewesen sein muß. Die scheinbaren Schnittpunkte der Mondbahn mit der Ekliptik nannten sie Knoten. Nur wenn sich Sonne und Mond in der Nähe der Knoten gleichzeitig aufhalten, kann es zu einer Sonnenfinsternis kommen, wobei nacheinander stattfinde Finsternisse einem regelmäßigen Muster folgen.  Diese sogenannte Saros-Periode ermöglichte in den letzten Jahrhunderten v. Chr. den Priestern Babylons das Erstellen von Tafeln, aus denen Angaben über kommende Finsternisse entnommen werden konnten. Da die geographischen Kenntnisse noch unzureichend waren, konnten die Astronomen des Altertums keine besondere Genauigkeit bei der Vorhersage der Sonnenfinstrnisse erzielen, und gar manche Finsternis mag unvermutet eingetroffen sein.