Von allerlei Blitzen und Donnern - Altes und Neues über Impaktgläser, Tektite und Meteorite

von Hans Rodewald, Fleckeby, Mai 2001

Teil 2

In Fortsetzung der heutigen Situation über das Suchen und Finden möchte ich wieder Fundorte von Meteoriten und Tektiten vorstellen. Es sind gute Bekannte: Eisen-Meteorite von SW-Afrika, China und „normale" Indochinite (die aus Thailand, Laos, Vietnam, China).

Eisen-Meteorite von Namibia - (Gibeon) Funde im Namaqualand am Great Fish River

Diese bis in letzter Zeit noch ergiebige Fundstelle lieferte Stücke, die oft eigenwillig geformt sind und ein sehr feines Widmannstättensches Gefüge aufweisen. Die erste Erwähnung erfolgte 1836. Die Fundkoordinaten sind 25o 30' S und 18 o 00' E in Namibia (ehemals Südwest-Afrika: ca. 400km südlich Windhuk; Streufeld ~120 x 40 km). Nach Wasson und Meteoriten-Katalogen feiner Oktaedrit (BW 0.30mm) mit 7.68% Nickel, 1.97 ppm Gallium, 0.111 ppm Germanium, 2.4 ppm Iridium.

Typ Iron IVA. Feiner Oktaedrit. Irdisches Alter vermutlich ca. 30.000 Jahre

Alte und neue Informationen:

Zur Zeit werden immer noch Detektor-Funde gemacht. Die enorme Ausdehnung des Streufeldes erschwert allerdings eine gezielte Suche, gleichwohl ist durch Ausdauer oder mit preiswerten Suchkräften immer noch etwas zu finden. Ursprünglich gab es wohl riesige Mengen, die an der Ober-fläche herumlagen: Sir J.E. Alexander berichtete 1838 über große Eisenmassen am Ostufer des Great Fish River. Die Stelle befindet sich etwa drei Tagesreisen nordöstlich der Bethany Missionsstation. Die wenigen kleinen Stücke, die er mitbrachte, wurden von John Herschel in London untersucht und als meteoritisch erkannt. Als erstes größeres Stück wurde die 81 kg-Masse von Lion River untersucht. Sie wurde auf einer Lehmfläche gemeinsam mit weiteren größeren Stücken gefunden, deren Transport jedoch zu schwierig war. Die reichlich vorhandenen Eisenmassen dienten den Namas als Rohstoffquelle für ihre Waffen.

Shepard trennte einige Kilogramm vom Lion River-Stück ab und beschrieb 1857 dessen Struktur. Eine 232 kg - Masse wurde von Wild etwa 1857 aus der Gegend von Bethany nach Kapstadt geschafft. Scheiben davon wurden von Cohen und seinen Mitarbeitern in Greifswald analysiert. Etwa 75 weitere Eisenmassen mit einem Durchschnittsgewicht von rund 280 kg wurden gefunden und mit Namen von Farmen in der Nähe des Fundortes belegt. Die größte Masse hat ein Gewicht von 650 kg. Graf von Linden schenkte dem Stuttgarter Museum die 178 kg-Masse von Mukerop. Es wurden mehrere Scheiben abgetrennt, die zu umfangreichen Untersuchungen dienten. So wurden auch in den Laboratorien von Krupp mechanische Versuche durchgeführt. 37 dieser Massen mit einem Gesamtgewicht von 12.613 kg wurden von Dr. Paul Runge, einem Geologen der Deutsch-Südwest-Afrikanischen Kolonialregierung , in den Jahren 1911 bis 1913 in der Umgebung der Farmen Amalia und Kameelhaar gefunden und zu einem Haufen aufgetürmt (siehe Bild 1).



Diese Brocken wurden später im Public Garden in Windhoek angehäuft und offen zugänglich ausgestellt und befinden sich heute noch zum Teil als Ausstellungsstücke in der dortigen Fußgängerzone. Die meisten Stücke wurden in einem 30 x 40 km² großen Gebiet östlich und südlich von Gibeon gefunden. Aber auch mehr als 200 km südöstlich dieses Gebietes fand man Massen mit bis zu 263 kg. Heute gibt es kaum noch Fundmöglichkeiten; außerdem gibt es staatliche Ausfuhrverbote. Vermutlich ist das Meteoriten-Streufeld von Gibeon das größte auf der Erde. Der Brukkaros Krater am Westrand der Kalahari könnte in Verbindung mit dem Meteoritenfall von Gibeon stehen. Der Krater hat einen Durchmesser von etwa 2 km.

Viele gefundene Stücke werden geschnitten, weil sie ein schönes, feines und meist gleichmäßiges Gefüge zeigen. Auch gibt es Besonderheiten: In letzter Zeit wurde von Zwillingsbildungen und sogar von deutlich ausgebildeten oktaedrischen Kristallen berichtet. Dazu zeigen manche Scheiben gebogene statt der sonst üblichen parallel angeordneten Lamellen, bei einigen Stücken zeigt sich (evtl. durch Hitzeeinwirkung) nur undeutlich eine kristalline Struktur. Sie sind möglicherweise bei heftigen Kollisionen mit kosmischen Geschwindigkeiten im All durch spontane Kaltverformung entstanden, so denke ich; doch sie könnten aber auch durch Detonation und Bersten in der Lufthülle gebildet worden sein, wie andere es deuten.

Bei den Meteoriten von Gibeon, Amalia und benachbarter weiterer Fundorte in der Namib-Wüste handelt es sich um Eisenmeteorite der Gruppe IVA mit feiner oktaedrischer polykristalliner Struktur. Das Entmischungsgefüge von Kamazit und Taenit wird bei diesen Stücken schön und deutlich beim metallografischen Anätzen [~3-4 Min. 5%ige Salpetersäure in Ethanol] sichtbar. Diverse Analysen an Meteoriten von Gibeon, die auch Spurenelemente berücksichtigen, liefern folgende Ergebnisse:

Ni 7,70 % Zn 0,08 ppm
Co 0,40 % Ga 2,00 ppm
P 0,40 % Ge 0,12 ppm
S 400 ppm As 2,87 ppm
C 300 ppm Ru 3,68 ppm
Cr 200 ppm Au 1,00 ppm
Cu 185 ppm Os 2,43 ppm
Pt 8,0 ppm Ir 1,86 ppm

Das Rätsel der erstaunlich gut ausgebildeten oktaedrischen Meteorit-Kristalle von Nantan/China ist leicht zu lösen

Seit kurzem tauchen von Nantan in der Provinz Guanxi in China vermehrt zentimetergrosse (etwa 3 bis 8 cm) Meteorite mit deutlichen und gut erkennbaren Okatederkanten und –flächen auf. Ja, sogar richtige idiomorph ausgebildete Achtflächner sind in handgroßen Stücken neuerdings gefunden worden. Zunächst gab es Zweifel, weil die Stücke einfach schon fast zu gut aussahen und so überdeutlich große Oktaeder-Kristalle zeigten. Bisherige Stücke, die ich aus Sammlungen kenne und z.B. auf der Meteoriten-Börse in Gifhorn in die Hand nehmen konnte, waren alle rundlich-rostig und eher unansehnlich, zum Teil in Klumpen geformt wie ein Rugby-Ball und entsprechend schwer – ein Stück, wie man es sich nicht unbedingt gleich in die Sammlung legt.

Die neuen Stücke dagegen sind nur 10 bis 500 Gramm schwer, im Mittel 50-100g, dazu appetitlich im Aussehen. Allerdings haben manche Anbieter einige Stücke leider etwas zu kräftig „geschönt" – aus Sorge um eine weitere Korrosion wurden die meisten Meteorite wärmestabilisiert, z.T. sandgestrahlt und fluatiert etc. – also zwar wetterfest, aber insgesamt doch zu übertrieben behandelt.

An dieser Stelle muss gewarnt werden: Die neuen, kristallinen Stücke von Nantan können bei unsachgemäßer Lagerung weiter rosten, ja sogar zerfallen. Eine Aufbewahrung im Exsiccator (mit Blaugel-Trockenmittel) oder eine chemische Innen-Versiegelung ist zu empfehlen.

In vielem weicht das Erscheinungsbild der neuen Stücke von den älteren Funden ab. Dieses Rätsel der so verschieden aussehenden Meteorite von einem Fundort zu lösen, galt mein Interesse: Meteorite von Nantan sind seit langem bekannt, mein elektronischer Katalog sagt folgendes aus: Nantan (Synonyme Dongnung, Nandan, Nantan County), Provinz Guanxi, China. Fund 1958, Fall?, Koordinaten 25o6' N-107 o 42' E. Typ Iron IIICD. Gruppe Mittlerer Oktaedrit mit einer Bandweite der Lamellen von 1.0 mm. 5.8% Ni, 77 ppm Ga, 293 ppm Ge, 1.7 ppm Iridium. Beschreibung: Ein Schauer von Meteoriten ist über ein Gebiet von mehr als 30 km2 verteilt. Bis 1980 wurden 19 größere Stücke mit einem Gewicht von 9.500 kg gefunden [J.K.Hsian+A. Kracher, Geochim. Et Cosmochimica Acta, 1980, 44, p. 773. Einzelstücke 1.900 kg, Guiyang, Acad.Sin.Inst. Geochim., 93 kg Los Angeles, Univ.of Calif.; British Museum London 152g].

Ein amerikanischer Anbieter konnte sein Sortiment auf der letzten Münchener Börse in kürzester Zeit unters Volk bringen. Auf Anfrage erfuhr ich, daß vor Ort frisch gesprengt und dabei eine reichliche Anzahl schöner grobkristalliner Meteorite gefunden wurde. Auch einige unscheinbare Klumpen kamen heraus: Kurzerhand ließ ich einige dieser Stücke aufsägen, um dem „Geheimnis der Meteorit-Oktaeder" auf die Spur zu kommen. Dabei erlebten wir schon die erste Überraschung: die Sägerei erwies sich nicht nur als schwierig, sondern erschien fast unmöglich. Wir konnten mit ansehen, wie in kürzester Zeit das ansonsten robuste Sägeblatt regelrecht weggefressen wurde, die Zähne waren im Nu weg! Ein Diamant-Sägeblatt versagte auch. Erst eine spezialbeschichtete Trennscheibe schaffte es mit letzter Mühe, ein daumenlanges Stück Meteorit zu teilen. Auch das Schleifen war viel mühsamer.

Erst beim metallografischen Anätzen zeigte sich der Grund dieser Mühsal: Sehr viel Cohenit ist entlang den Oktaederflächen bei Stücken von Nantan orientiert eingelagert. Und genau dieser Cohenit „beisst die Säge"! Als Eisencarbid hat Cohenit (FeC3) eine hohe Mohs'sche Härte und ist zudem durch die kristalline Orientierung teilweisen widerstandsfähiger als viele Stahlsorten, nur Korund oder Siliciumcarbid (Härte ~9) schaffen es gerade noch mit Mühe, cohenithaltige Partien zu durchtrennen. (siehe Bild 2).

Ein weiterer Schnitt an einem von außen unscheinbar aussehenden, weil sehr rostig und etwas zu leichten Stück, brachte die Erleuchtung. Weitgehend reichte eine dicke Limonitschicht viele Zentimeter zum metallenen Kern vor und partiell in das Gitter hinein. Tiefgründige Verwitterung hat den grössten Teil des normalen lamellaren Kamazits in Limonit umgewandelt, die nickelreichen Taenit-Stege blieben zunächst stehen und wurden durch den robusten Cohenit zusätzlich gehalten.

Dann haben oberflächennahe zirkulierende Wässer über Jahrhunderte einen allmählichen Umwandlungs- und Weglösungs-Prozess in Gang gehalten, das Ergebnis sind die oktaedrischen Gebilde von Nantan. Jetzt passt auch das Alter des Nantan-Falls in das Puzzle: der Fall liegt sehr lange zurück. Die Natur konnte ihren Lauf nehmen, ganz langsam aber stetig wurde auch das „himmlische" Nickeleisen wieder aufgelöst. Nur der Kern blieb stabil; und wenn Menschenhand hier nicht eingreift, werden auch noch all die restlichen Stücke weiter aufgearbeitet, bis hin zur völligen Auflösung.

Impakt und Tektite: Indochinite vom Mekong

Unsere Erde wurde nicht nur in der Frühzeit von kleinen, mittleren und vor allem auch riesigen Geschossen aus dem All getroffen. Bohrt sich so ein kosmisches Projektil mit enormer Masse und Geschwindigkeiten von 15 bis 40 Kilometer pro Sekunde (!) ungebremst in oberflächennahe Gesteine, entstehen bei diesem Einschlag (=Impakt) durch Druckschmelze spontan Gesteinsgläser: die Tektite (gr. tektos = aufgeschmolzen). Solche neugebildeten Gesteinsgläser werden jetartig mit hoher Geschwindigkeit (Mach 10...30) ausgeschleudert und erstarren in der Luft zu rundlich aerodynamischen Klumpen. Es gibt auch viele tropfenartige und diskusförmige, sogar knopfartige Gebilde.

Charakteristisch bei den Indochiniten aus Thailand sind die tiefen Schmelzlöcher und Gruben, ähnlich den Remaglypten, die an Meteoriten zu beobachten sind. Vom Gesteinstyp her ähneln die Indochinite aus Thailand dem irdischen Obsidian, sind aber sehr silikatreich und nahezu wasserfrei. Als Indochinite bezeichnete Lacroix Tektite der Länder Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam. Neuerdings tauchen auch aus dem südlichen China sehr ähnliche Stücke auf. Die Tektite all dieser Länder kann man kaum unterscheiden. Gemittelte Analysen ergeben an Gew.-Prozenten: 73.2 SiO2, 12.8 Al2O3, 4.7 FeO, 2.2 MgO, 2.1 CaO, 1.3 Na2O, 2.4 K2O und 0.75 TiO2. Ihre Farbe ist schwarz, der Glasglanz ist mehr oder weniger ausgeprägt (aussen durch Erosion mattschwarz).

Tektite können bei ihrem Flug sehr große Entfernungen zurücklegen. So flogen die Moldavite von den Einschlagskratern in Süddeutschland (Steinheimer Becken und Nördlinger Ries) etwa 500 km weit; die Indochinite noch viel weiter. Im riesigen Gebiet von den Phillippinen bis Indochina und Australien gibt es verschiedene Streufelder mit ganz unterschiedlich ausgeprägten Formen von Tektiten. Es werden mehrere Einschläge vermutet. Die eigentlichen Krater sind noch nicht gefunden, sie wurden bisher unter dem Eis in der Antarktis oder in China vermutet. Auffällig ist die Häufung von Funden auf 105o und 108 o östlicher Länge und um 12 o, 15 o und 18 o nördlicher Breite. In neuesten Berichten wird vermutet, dass der Einschlag im Golf von Tonkin erfolgte. Zum Zeitpunkt des Einschlags lagen passende Oberflächengesteine höher, heute liegen sie durch eine Absenkung 40 bis 70 Meter tiefer.

Funde von Thailand-Tektiten: Die vor ~740.000 Jahren ausgeworfenen und weit entfernt heruntergefallenen Stücke werden heute durch natürliche Erosion und beim Ackerbau freigelegt. In den Dörfern z.B. im Khen-Kon-Distrikt nordöstlich Bangkok sammeln die Einheimischen jetzt fast alle Stücke auf und sichern sich so einen kleinen Nebenverdienst. Daher kann man diese interessanten Belegstücke über die Kosmologie und Erdgeschichte noch sehr günstig erwerben.

Das Tonkin-Becken lag vor etwa 700.000 bis 750.000 Jahren trocken. Heute unter dem Meeresspiegel gelegen, auch durch politische Umstände (Gewässer vor Hanoi und China; militärische Konflikte in Vietnam) bedingt, verhinderte dies bisher eine gründlichere Suche. Aber genau hier könnte der Impakt stattgefunden haben, der die Indochinite von Thailand, Laos, Vietnam und China gebildet und ausgeworfen hat. Die Tektite dieser Fundbereiche (sie sind in der Karte hervorgehoben) ähneln sich weitgehend in ihrer äußeren Erscheinung und in den sonstigen chemisch-physikalischen Daten.

Ich meine hier nicht die Australite, Rizalite und Phillippinite und andere Tektitsorten im sonstigen, flächenmäßig riesigen australasiatischen Bereich; diese sind wohl zufällig zeitgleich, aber mit Sicherheit an anderen Orten entstanden. Diese weiteren Krater müssen eben noch gefunden werden, dann lässt sich auch hier eine bessere oder gesicherte Zuordnung durchführen.

Weiter lesen: Teil 3 - Kleine Meteoritenkunde

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