Die Marsopposition im Oktober 2020

Die letzte der so genannten großen Marsoppositionen fand im Juli 2018 statt. Für Beobachter in Mitteleuropa war sie eher eine Enttäuschung, da Mars zur Oppositionszeit nur eine geringe Höhe über dem Horizont erreichte. Anders nun in diesem Jahr. Mit einem scheinbaren Durchmesser von maximal 22,5 Bogensekunden erscheint das Planetenscheibchen nur geringfügig kleiner als im Jahr 2018 mit 24.5 Bogensekunden - aber dieses Jahr kulminiert der Mars in Deutschland in einer Höhe von annähernd 45 Grad über dem Horizont. Eine Marsopposition mit ähnlich großem Planetenscheibchen gibt es dann erst wieder im Jahr 2033.

Auch heute noch ist es ein ganz besonderes, persönliches Erlebnis, die feste Oberfläche und das Wetter auf dem wohl erdähnlichsten Planeten im Sonnensystem visuell im Teleskop zu beobachten. Orangefarbene bis dunkel-schwarzen Wüstengebiete, weiße Eispolkappen, helle Wolken und gelbliche Staubstürme gibt es auf unserem Nachbarplaneten zu entdecken. Schon mit kleinen Teleskopen ab ca. 100 mm Öffnung bei etwa 150-facher Vergrößerung kann das gelingen.

Der Autor hat die Marsopposition dieses Jahres zum Anlass genommen, einen kleinen Beitrag zur Geschichte der Erforschung des Planeten Mars und insbesondere zu den "berühmt berüchtigten" Marskanälen und deren Folgen zusammen zu stellen. Vielleicht regt ja der Beitrag dazu an, sich während einer visuellen Marsbeobachtung 120 Jahre in der Zeit zurück zu versetzen. Hier finden Sie noch einige Tipps zur Beobachtung und zur Ausrüstung für ihre persönliche Marsbeobachtung 2020.

Eine kleine geschichtliche Exkursion zur Erforschung des Planeten Mars und zu den Marskanälen

Der Gedanke an die Möglichkeit von Leben auf dem Mars beflügelte die Fantasie der Menschen seit langer Zeit und geht zurück auf William Whewell, einem englischen Philosophen und Wissenschaftshistoriker. Im 18. Jahrhundert glaubte man beobachtet zu haben, dass die dunklen Flecken auf der Marsoberfläche ihre Farbe änderten und größer wurden (Marssommer) und im Marswinter "schrumpften". Man hielt sie für ausgedehnte Vegetationszonen, deren Ausdehnung sich mit den Jahreszeiten änderte. Bis zum Jahr 1963, kurz vor dem Start der ersten Mariner Marssonden, hielt man die Existenz von Moosen und Flechten für möglich. Spätesten seit dem 14. Juli 1965 wissen wir aber, dass diese Beobachtungen nicht der Realität entsprachen, zeigten doch die Bilder der Raumsonde Mariner 5 eine Marsoberfläche ohne jede Vegetation.

 

Vorteleskopische Ära
Noch ganz ohne Teleslop konnte der dänische Astronom Tycho Brahe (1546–1601) die wechselnden Positionen des Mars mit einer bis dahin nicht gekannter Präzision vermessen, so dass Johannes Kepler (1571–1630) aus den Messungen die elliptische Umlaufbahn des Mars um die Sonne berechnen und folgend daraus die drei Keplerschen Gesetze ableiten konnte.

 

Teleskopische Ära
1659 - der niederländische Astronom, Mathematiker und Physiker Christiaan Huygens beschreibt als erster eine große dunkle Zone auf der Marsoberfläche, die heute als Syrtis Major bezeichnet wird. Er beobachtet die Positionsänderungen der Struktur und leitet daraus die Eigenrotation, also die Tageslänge des Mars, mit 24 Stunden und 30 Minuten ab.

1666 - der italienische Astronom Giovanni Domenico Cassini beschreibt als erster die beiden Polkappen des Mars.

1781 - Friedrich Wilhelm Herschel, deutsch-englischer Astronom, bestimmt die Eigenrotation des Planeten zu exakt 24 Stunden 39 Minuten und 22 Sekunden. Die Genauigkeit seiner Messungen ist höchst bemerkenswert, bedenkt man die Gangungenauigkeiten der damaliger Uhren. Herschels Wert differiert um genau um 2 Minuten zur heutigen Rotationsperiode von 24h 37m und 22s.

1784 - Herschel bestimmt die Neigung der Rotationsachse zur Umlaufbahn um die Sonne zu 25,0 Grad. Der Wert ist ähnlich präzise wie seine Messung der Eigenrotation, der heutige Wert liegt bei 25,19 Grad. Später beschreibt er die Veränderungen der Polkappen im Wechsel der Jahreszeiten.

1854 - William Whewell, ein englischer Philosoph und Wissenschaftshistoriker, publiziert die Vermutung, der Mars hätte Ozeane, Landmassen und damit möglicherweise auch Lebensformen

1877 - Der amerikanische Astronom Asaph Hall entdeckt bei der günstigen Marsopposition die beiden Marsmonde, die später die Namen Phobos und Deimos bekommen. Ein kleines historisches Mysterium: Bereits 150 Jahre früher (1726) beschreibt der irische Schriftsteller Jonathan Swift in seinem satirischen Roman "Gullivers Reisen" zwei Marsmonde und beschreibt Größe und Umlaufbahnen, die recht gut mit den tatsächlichen Werten übereinstimmen.

1877 - der italienische Astronom Giovanni Virginio Schiaparelli (1835 - 1910) betritt die Bühne der Marsbeobachtung. Von 1864 bis 1900 war er Direktor der Mailänder Sternwarte. Schiaparelli galt in seiner Zeit als einer der erfahrensten und scharfäugigsten Planetenbeobachter.

Bei Beobachtungen der Marsopposition im Jahr 1877 entdeckt er rinnenartige Strukturen und zeichnete sie in seine Gesamtkarten der Marsoberfläche ein. Diese Strukturen lagen an der Auflösungsgrenze der damaligen Linsenteleskopen von 30 bis 50 Zentimeter Öffnung und ihre Erkennung erforderten viel Beobachtungserfahrung. Bei der folgenden Marsopposition 1879 wurden diese Strukturen dann auch von anderen Astronomen bestätigt.

Schiaparelli schätzte die Dimensionen "seiner" Rinnen auf eine Länge von bis zu 2000 km und ihre Breite auf 100 km. Er hielt sie in einer Publikation im Jahr 1893 für natürlich entstandene Senken und spekulierte, dass sich durch sie eventuell Wasser auf der ansonsten trockenen Oberfläche ausbreiten könne.

Doch eine fehlerhafte Übersetzung des Wortes Rinnen (italienisch "canali") in die englische Sprache zu "canals" statt wie korrekt zu "channels" ließ den Jahrzehnte lang anhaltenden Mythos von künstlichen Kanälen entstehen. Auf Grund von beobachteten jahreszeitlichen, farblichen Veränderungen von Oberflächenstrukturen vermutete der französische Astronom Camille Flammarion künstliche Bauwerke, gebaut von einer aussterbenden Zivilisation von Marsianern, die ihren langsam vertrocknenden Planeten durch Schmelzwasser von den beiden Polkappen künstlich bewässerten. Die extreme Breite der Kanäle erklärt er mit ausgedehnten Vegetationsgürteln entlang der Kanäle. Flammarion und viele Astronomen seiner Zeit gingen damals noch von einer dichten Marsatmosphäre aus.

Heute geht man davon aus, dass viele der Schiaparellischen "Rinnen" auf optische Täuschungen beruhen, die durch das so genannte „Kontrastlinienphänomen“ entstehen. Es bewirkt, dass das Gehirn zwischen undeutlichen dunklen Flecken dazu neigt, Linien zu ziehen. Auf der anderen Seite dürften einige der "Rinnen" jedoch tatsächlich Canyons, linienförmigen Geländeschatten, Talsystemen oder Kraterketten entsprechen. Sicher scheint zu sein, dass Schiaparelli und später auch andere Astronomen den 4000km langen Canyon Valles Marineris regelmäßig wahrnehmen konnten. Drei "seiner" Canali entsprechen dem riesigen Canyon.

1894 - Percival Lowell gründet und baut in Flagstaff/Arizona das Lowell Observatory zur Erforschung des Planeten Mars und der anderen Planeten. Lowell entstammte einer der reichsten und angesehensten Familien der Bostoner Oberschicht. Er war als Amateur stark an der Astronomie interessiert und verfügte über die finanziellen Mittel, um für seine private Sternwarte ausgezeichnete Astronomen für sein Institut einzustellen und zu beschäftigen. Im Laufe der Jahre wurde er aber zu einem der bekanntesten Astronomen seiner Zeit. Das Observatorium wurde von den Brüdern Pickering geplant, gebaut wurde es auf dem "Mars Hill" in 2210 Metern Höhe und war für Jahrzehnte ein Eldorado für Planetenbeobachter und die Planetenforschung mit großen und modernen Teleskopen.

Auslöser für den Bau der Sternwarte waren die Beobachtungen der "canali" von Schiaparelli von 1877. Lowell war überzeugt davon, dass die Kanäle künstliche Bauwerke, errichtet von intelligenten Wesen, um einen trockenen Planeten aus den Polkappen heraus zu bewässern. Hauptbeobachtungsinstrument war ab 1896 ein 61cm Refraktor von Alvan Clarce&Sons.

Lowell beobachtete bis zu seinem Tod mehrere Marsoppositionen und beschrieb seine Beobachtungen und die Schlüsse, die er daraus zog, in zahlreichen Publikationen, die eine weite Verbreitung fanden. Abschließend publizierte Lowell im Jahr 1906 - sozusagen als sein Lebenswerk - ein Buch mit 384 Seiten und dem Titel "Mars and its Canals". Er starb am 12.11.1916 in Flagstaff. Lowells Buch ist als pdf-file im Internet frei verfügbar.

Nur nebenbei erwähnt sei: Im Jahr 1905 stellte Lowell die Mathematikerin Elizabeth Langdon Williams für sein Observatorium ein. Sie sollte aus den bekannten Bahnstörungen von Uranus und Neptun den möglichen Standort eines hypothetischen Planeten berechnen. Ihre Berechnungen führten dann auch zur Vorhersagen über den Standort des unbekannten Planeten. Lowell selbst nahm zur Suche des Planeten fotografische Platten auf, die er mit einem Blinkkomperator untersuchte. Mit Lowells Tod im Jahr 1916 wurde das Projekt aber eingestellt. Bei späteren Untersuchungen des Plattenarchivs stellte sich heraus, dass auf zwei Platten aus dem Jahr 1915 Pluto bereits zu abgebildet war. Pluto wurde dann am 18. Februar 1930 von Claude Tombaugh am Lowell Observatorium entdeckt, der bis zum Jahr 2006 als 9. Planet des Sonnensystems galt.

1909 - Der griechische Astronom Eugène Michel Antoniadi (1870 - 1944) beobachtete die Marsopposition 1909 mit dem 83 cm Refraktor des Pariser Meudon Observatoriums. Im Gegensatz zu seinem Förderer Flammarion kam Antoniadi zu dem Schluss, dass es sich bei den Marskanälen um optische Täuschungen handeln müsse, die nur in Teleskopen kleinerer Öffnung als "Linienstrukturen" sichtbar würden. In den folgenden 20 Jahren zeichnete Antoniadi immer detalliertere Marskarten. Seine 1930 publizierte "Carte de Mars" war bis zum Start der ersten Raumsonden die genaueste Karte der Marsoberfläche.

Ungeachtet der Beobachtungen von Antoniadi waren die Vorstellungen von Lowell, dass es auf dem Mars künstliche Bauwerke gibt so präsent, dass sie von der auch damals schon für Sensationen offene Massenmedien übernommen wurden. Es entstand für Jahrzehnte eine regelrechte Marsianer-Manie, mit einer Reihe von Science Fiction Literatur. Auch die Filmindustrie in Hollywood produzierte einige sehr erfolgreiche Filme zum Thema Mars und Marsianer.

Marsianer und Marskanäle in Literatur und Film

Bereits im Jahr 1897 schrieb der deutsche Autor Kurd Laßwitz den Roman "Auf zwei Planeten", der auf über 1000 Seiten einen Besuch bei den Marsbewohnern beschreibt. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, mehrmals neu aufgelegt und galt den Raumfahrtpionieren Eugen Sänger und Werner von Braun als Inspiration.

Nur ein Jahr später - 1898 - publizierte H. G. Wells seinen Roman "Krieg der Welten". Hier verlassen die Marsianer ihren trockenen und ausgebeuteten Planeten, um die lebensfreundlichere Erde zu erobern. Die Menschheit, den Marsianern technologisch hoffnungslos unterlegen, entgehen ihrer Vernichtung nur dadurch, dass die Marsianer durch für Menschen harmlose Viren getötet werden. Eine interessante Idee in Zeiten von Covid - 19!

Der amerikanische Theaterregisseur und Autor Orson Wells produzierte im Jahr 1938 aus "Krieg der Welten" ein Hörspiel und ließ die Marsianer in New Jersey, nahe New York landen. Das Hörspiel wurde am 30. Oktober 1938 (Halloween!) im Stil einer realistischen Reportage von CBS gesendet. Rundfunkhörer, die sich im Laufe des Hörspiels einschalteten, hielten die Marsinvasion als Realität. Es führte zu heftigen Irritationen bei der Bevölkerung und löste eine Massenpanik aus."Krieg der Welten" wurde erstmalig vom Regisseur Byron Conrad Haskin im Jahr 1952 verfilmt und bekam auf Grund bahn brechender Spezialeffekte 1954 einen Oscar. In den folgenden Jahren gab es mehrere "Remakes" des Films, zuletzt im Jahr 2005 von Steven Spielberg.

Im Jahr 2000 brachte Brian De Palma als Regisseur den Film "Mission to Mars" in die Kinos. Im Film werden Spekulationen um das "Marsgesicht" in der Cydonia Region als verlassenes künstliches Bauwerk thematisiert. Obwohl das Marsgesicht schon kurz nach dem Filmstart auf hoch auflösenden Satellitenfotos als natürliche geologische Formation identifiziert wurde, "geistert" das Marsgesicht auch in heutiger Zeit immer noch durch die Medien, siehe unter anderem bei YouTube. Dort findet man, wenn man denn will, dutzende von Videos, die Marsianer, Bauwerke, Raumschiffe und ähnliches zeigen. Auch eine Google Bildersuche mit dem Stichwort "Marsgesicht" bringt eine erstaunliche Sammlung von Fotos mit Pyramiden, Marsianern und unter anderem auch ein Bild mit einem Eichhörnchen und einen Löffel ans Licht. Dort kann man tief in die Welt von Esoterikern und Verschwörungstheoretiker eintauchen.

Der letzte große Film "Der Marsianer" kam 2015 in die Kinos und basiert auf einem Bestseller-Roman aus dem Jahr 2011 von Andy Weir. Er beschreibt den Überlebenskampf des Astronauten Mark Watney, der in Folge eines Unfalls von seinen Kollegen auf dem Mars zurück gelassen wird. Um zur Erde zurück kehren zu können, muss Mark Watney eine lange Strecke über den Mars zurück legen, um die Landestelle einer künftigen Marsmission zu erreichen. Ein sehr sehenswerter Film, wenn man eine Vorstellung davon bekommen möchte, welche Anblicke zukünftige Astronauten bei einer Fahrt über die Marsoberfläche erwartet.

Weitere bekannte und lesenswerte Science Fiction Literatur:
In den Jahren von 2017 bis 1943 publiziert Edgar Rice Burroughs (der Erfinder der Figur Tarzan) ein 11-bändiges Werk mit dem irdischen Held John Carter, der sich in eine marsianische Prinzessin verliebt und gegen grünhäutige Unholde und andere Untiere kämpft.

1950 publiziert der bekannte Schriftsteller Ray Bradbury eine Sammlung von kurzen, stimmungsvollen Kurzgeschichten, "Die Marschroniken".

Der deutsche Bestsellerautor Andrea Eschbach publiziert zwischen 2001 und 2008 fünf zusammen hängende Bücher unter dem Thema "Das Marsprojekt". Die Geschichte spielt im Jahr 2086, lesenwert auch schon für Jugendliche, denn die Hauptakteure sind auf dem Mars geborenen Kinder.

 

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Ein Beitrag von Baader Planetarium

Unsere Firma existiert nun seit über 50 Jahren. Mehr als 15.000 Baader Planetarien (das erste, patentierte Produkt der Firma) helfen in aller Welt, Schülern Verständnis für astronomische Zusammenhänge zu vermitteln. Im eigenen Betrieb wurden über 500 Sternwarten-Kuppeln hergestellt und zum grossen Teil schlüsselfertig übergeben. Instrumente und Teleskopzubehör von "Baader" sind bei kundigen Amateuren und an vielen Schulen ein Begriff. Wir betrachten es als Aufgabe und Verpflichtung, nicht nur Fernrohre zu verkaufen, sondern ein individuell zusammengestelltes Teleskopsystem, das Ihnen ein Leben lang Freude bereitet.

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Über dem Autor Wolfgang Paech

Wolfgang Paech betreibt Astronomie seit nunmehr über 50 Jahren. Neben seinen zahlreichen Erfahrungen mit Sternwarten-Kuppeln aller Art sind seine Kerngebiete die Sonne und der Mond. Auf der Website www.chamaeleon-observatory-onjala.de finden Sie einen kompletten Mondatlas, aufgenommen mit seiner Standardtechnik. Aber auch in Sachen Deep-Sky und Planeten kann ihm, als langjährig erfahrenem Astrofotograf, niemand etwas vormachen.

Die 50+ Jahre Amateurastronomie mit vielen weiteren Bereichen, wie z.B. der Restaurierung historischer Amateurteleskope, Polarlichtreisen und vielem mehr sind auf seiner privaten Webseite unter www.astrotech-hannover.de aufbereitet.