Übersicht um 1:00

Das Sternbild Bärenhüter hat den Meridian überschritten. Über dem Südhorizont sind nun die hellen Sterne des Skorpions mit dem rötlichen Stern Antares zu sehen. Tief im Südosten leuchtet in seinem typischen ruhigen Licht Saturn. Über dem Osthorizont sehen wir den Stern Enif im Sternbild Pegasus. Das Sternbild Herkules nähert sich hoch am Himmel dem Meridian.

 

 

Schlangenträger und Schlange

Die beiden Sternbilder Schlangenträger und Schlange liegen südlich des Sternbilds Herkules und nördlich des Sternbilds Skorpion. Sie sind beide eine Schöpfung der klassischen Antike.
Das Sternbild Schlangenträger soll an den Asklepios erinnern, der ein Sohn des griechischen Gottes Apollon war. Auf Bitte seines klugen Vaters unterrichtete der weise Zentaur Cheiron den Asklepios in der Heilkunst. Asklepios war ein sehr aufmerksamer und gelehriger Schüler, dem nichts entging. So beobachtete er, wie eine Schlange behutsam mittels eines bis dahin unbekannten Heilkrauts eine frisch getötete Schlange wieder zum Leben erweckte. Das brachte ihn auf die Idee, mit diesem Kraut andere frisch Verstorbene wieder zum Leben zu erwecken. Das gelang ihm tatsächlich, und die Nachricht, dass Asklepios Tote wieder lebendig machen könne, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Als Hades, der Herrn des Totenreichs die Nachricht hörte, bat Hades seinen Bruder Zeus, den Asklepios umgehend töten zu lassen. Hades befürchtete nämlich, dass Asklepios durch sein neues Mittel den Zustrom an Toten für das Totenreich zum Erliegen und das Leben auf der Erde aus den Gleichgewicht bringen könnte. Zeus erfüllte die Bitte seines Bruders. Anschließend versetzte Zeus den getöteten Asklepios nebst seiner Schlange als die Sternbilder Schlangenträger und Schlange an den Himmel, um den wütenden Apollon zu besänftigen.

Das hellste Objekt  im Sternbild Schlangenträger ist jetzt der -2,6m helle Jupiter. Im Fernglas sind Jupiters Wolkenbänder und dessen vier hellen Monde gut sichtbar. im Fernrohr kann man bei hoher Vergrößerung auch Strukturen in den Wolkenbändern wahrnehmen. Außerdem kann man im Fernrohr beobachten, wie sich im Laufe einiger Stunden die relativen Positionen der Jupitermonde zueinander allmählich verschieben. Wenn die Luftruhe es zulässt, kann man manchmal am Fernrohr verfolgen, wie die Jupitermonde Schatten auf die Oberfläche des Riesenplaneten werfen, oder wie einer der Jupitermonde in den Schatten hinter dem Jupiter eintaucht und dadurch allmählich aus der Wahrnehmung verschwindet.

Der hellste Stern im Sternbild Schlangenträger ist der 2,1m helle Ras Alhague (Alpha Ophiuchi). Er liegt im Norden des Sternbilds und stellt darin den Kopf des Schlangenträgers dar. Die beiden hellen Sterne Cheleb (Beta Ophiuchi) und Kappa Ophiuchi bilden die Schultern des Schlangenträgers. Sabik (Eta Ophiuchi) links und Yed Prior (Delta Ophiuchi) rechts repräsentieren die kräftigen Hände des Schlangenträgers, welche die Schlange tragen.
Westlich des Schlangenträgers erstreckt sich der nach Norden aufgerichtete Hals der Schlange, markiert durch die Sterne Unuk (Alpha Serpentis), My Serpentis und Delta Serpentis. Die drei Sterne Beta Serpentis, Gamma Serpentis und Kappa Serpentis bilden gemeinsam den kleinen Kopf der Schlange. Ca. 7,6° südwestlich von Unuk können wir mit dem Fernglas den hellen Kugelsternhaufen M5 auffinden. Auch im kleinen Fernrohr ist M5 gut wahrnehmbar und wird bereits bei mittlerer Vergrößerung bis in sein Zentrum in einzelne Sterne aufgelöst. Man kann M5 auch sehr einfach, indem sein Fernrohr von Zubenelgenubi ausgehend ca. 11° nach Norden schwenkt.
Östlich des Schlangenträgers sehen wir die nach Norden gerichtete Sternenkette, die den Schwanz der Schlange darstellt, Diese Sternenkette besteht aus den Sternen My Serpentis, Xi Serpentis, Eta Serpentis und dem 4,6m hellen Stern Alya (Theta Serpentis), der die Schwanzspitze darstellt. Alya ist ein hübscher Doppelstern, der bereits in kleinen Fernrohren sehr schön zu beobachten ist. Die beiden Partner erscheinen gleich hell und rein weiß. Alya liegt ca. 18° östlich von Cheleb.

Im Sternbild Schlangenträger liegen die Kugelsternhaufen M10, M12 und M14. Am mondlosen Sternenhimmel kann man sie manchmal bereits im Fernglas 10x50 wahrnehmen. M12 liegt 8,3° nordöstlich von Yed Prior und zeigt sich schon im kleinen Fernrohr in einzelne Sterne aufgelöst. M10 finden wir 10° östlich von Yed Prior. M14 liegt ca. 8° südlich von Cheleb.

 

Skorpion

Das Sternbild Skorpion liegt südlich des Sternbilds Schlangenträger und enthält viele helle Sterne. Die beiden Sternbilder überqueren den Meridian fast gleichzeitig.

Der hellste Stern im Skorpion ist der 0,9m helle Antares (Alpha Scorpii). Antares liegt ca. 520 Lichtjahre entfernt, er ist ein Roter Überriesenstern von ca. 15 Sonnenmassen, er ist 9000 Sonnenleuchtkräfte hell und mehr als einer Milliarde Kilometer Durchmesser. Antares ist zudem ein Doppelstern, sein nur 6,5m heller grünlicher Partner steht in nur drei Bogensekunden Abstand. Ca. 8,5° nordwestlich von Antares liegt der 2,5m helle Stern Graffias (Beta Scorpii). Auch Graffias ist ein Doppelstern, den man bereits in kleinen Fernrohren gut getrennt sehen kann. Graffias liegt 600 Lichtjahre von uns entfernt und hat 2700 Sonnenleuchtkräfte. Ca. 3° südlich von Graffias liegt der 2,3m helle Stern Dschubba (Delta Scorpii). Dschubba stellt im Sternbild die Stirn des Skorpions dar, er ist ein blauweißer Hauptreihenstern mit 3300 Sonnenleuchtkräften, ca. 540 Lichtjahre von uns entfernt. Ca. 3,5° südlich von Dschubba liegt der 2,9m helle Pi Scorpii, ein blauweißer Stern in 450 Lichtjahren Entfernung, mit 1700 Sonnenleuchtkräften. Zwischen Antares und Pi liegt der 2,9m helle Stern Alniyat (Sigma Scorpii). Schon ein kleines Fernrohr zeigt Alniyat als einen Doppelstern. Alniyat ist ein blauweißer Stern, ca. 800 Lichtjahre entfernt, mit über 4000 Sonnenleuchtkräften. Sein Begleiter ist 9m hell und liegt in 20 Bogensekunden Abstand vom helleren Partner.
Ca. 1,2° westlich von Antares liegt der kleine Kugelsternhaufen M4. M4 ist nicht sehr hell und enthält weniger Sterne als viele andere Kugelsternhaufen. Doch M4 ist nur 7000 Lichtjahre von uns entfernt und ist der uns am nächsten stehende Kugelsternhaufen. Daher kann man M4 mit jedem kleinen Fernrohr bis in sein Zentrum in viele Sterne aufgelöst sehen.
Ca. 14,5° südöstlich von Antares liegt der Offene Sternhaufen M6. Diese Sternhaufen ist einer der hellsten Offenen Sternhaufen am Himmel. Von Mitteleuropa aus erscheint M6 aufgrund seiner horizontnahen Position meist schwächer, als er tatsächlich ist. Im Fernglas sind die hellsten Sterne von M6 gut zu erkennen, in einem lichtstarken Fernrohr zeigt M6 bei klarem Himmel über 100 Sterne, deren Anordnung an die ausgebreiteten Flügel eines Schmetterlings erinnert, weshalb der Sternhaufen auch unter dem Namen „Schmetterlingshaufen“ bekannt ist.

 

Leier

Das Sternbild Leier ist zwar eines der kleinsten Sternbilder, es bietet jedoch mit seinem Stern Wega einen der hellsten Sterne des Sommerhimmels. Dank dieses hellen Sterns ist das Sternbild Leier am Nachthimmel besonders leicht aufzufinden.
Wega ist ein Stern der Spektralklasse A0. Wega ist 25 Lichtjahre von uns entfernt, sie strahlt mit 37 Sonnenleuchtkräften und ist ca. 500 Millionen Jahre alt. Somit ist Wega einer der nächsten Sterne und zugleich einer der jüngsten Sterne in Sonnennähe.
Südlich von Wega liegt der markante kleine Sternenrhombus, der den Korpus der Leier bildet. Er besteht aus dem Doppelstern Zeta Lyrae, dem Doppelstern Delta Lyrae, aus Gamma Lyrae und aus Sheliak (Beta Lyrae).
Die Region um Delta Lyrae erweist sich im Fernrohr kurzer Brennweite als ein junger Offener Sternhaufen, der ca. 800 Lichtjahre entfernt ist. Delta Lyrae 2 ist ein Doppelstern, dessen beiden Partner 2 Bogensekunden Abstand voneinander haben.
Der Stern Sheliak ist ein bedeckungsveränderlicher Stern in 880 Lichtjahren Entfernung. Seine beiden Partnersterne sind ungleich hell und umkreisen einander einmal in 12,94 Tagen wobei sie sich regelmäßig gegenseitig bedecken. Der hellere Stern hat zwei Sonnenmassen und ist ein weißblauer Riese, der schwächere der beiden hat 12 Sonnenmassen. Pro Jahr strömen 27 Trilliarden Tonnen Masse vom helleren Stern zum lichtschwächeren Stern und bilden um diesen einen dicken Ring aus dunklem Material, das das von diesem Stern ausgesandte Licht absorbiert. Darum leuchtet der massereichere Stern aus unserer Sicht schwächer als sein masseärmerer Partnerstern.
Zwischen Gamma Lyrae und Sheliak finden wir den Planetarischen Nebel M57, den berühmten „Ringnebel“.
Ca. 1,6° nordöstlich von Wega sehen wir einen 4m hellen Stern, der schon dem bloßen Auge länglich erscheint. Das ist Epsilon Lyrae. Im Fernglas zeigt sich Epsilon als Doppelstern. Vergrößert man Epsilon im Fernrohr jedoch ca. 100fach, erscheint jeder der beiden Partner von Epsilon selbst wiederum doppelt. Epsilon Lyrae besteht somit aus vier Sternen, die einander paarweise in Jahrhunderten umkreisen.

 

Schütze

Gegen 2:00 nähert sich das Sternbild Schütze über dem Südhorizont allmählich dem Meridian. Die hellsten Sterne des Schützen stehen am Himmel in einer Anordnung, die den Beobachter spontan an eine große bauchige Teekanne mit Deckel erinnert. In den USA wird das Sternbild Schütze daher auch als “Teapot“ bezeichnet. Der Stern Nash (Gamma Sagittarii) bildet die Spitze der kurzen Ausgusstülle, Epsilon, Delta, Phi, Sigma und Zeta markieren den rundlichen Körper der Kanne, und Lambda bezeichnet den Knopf an der Spitze des abgeflachten Kannendeckels.
Das hellste Objekt im Sternbild Schütze ist nun der 0,1m helle Saturn. Er wird hier am 6. Juli seine diesjährige Oppositionsstellung erreichen. Ist die Luft ruhig, kann man im kleinen Fernrohr den Saturnring und den hellsten Saturnmond Titan wahrnehmen. In Fernrohren größerer Öffnung kann man zusätzlich auch die Saturnmonde Rhea, Dione, Thetis und Japetus wahrnehmen.
Falls der Nachthimmel während der Meridianpassage des Sternbilds Schütze bis hinab zum Südhorizont klar und halbwegs dunkel ist, kann man manchmal mit bloßem Auge ca. 2,5° nordöstlich von Lambda einen matten Lichtschimmer erkennen. Dieser Lichtschimmer erweist sich schon im kleinen Fernrohr als ein heller Kugelsternhaufen, schon im Zweizöller wird er in einzelne Sterne aufgelöst. Das ist M22, der hellste Kugelsternhaufen am Nachthimmel der Nordhalbkugel. Weil M22 in unseren Breiten am Himmel ziemlich horizontnah im Schützen kulminiert, wird er bei uns viel seltener beobachtet als M13.

 

Wenn man unter sternklarem, mondlos dunklem Himmel von einem abgelegenen Platz aus beobachtet, kann man ca. 6° nördlich von Nash manchmal bereits mit bloßem Auge einen kleinen nebelartigen Fleck wahrnehmen. Das ist M8, der berühmte „Lagunennebel“. Im lichtstarken Fernrohr erkennt man hier einen matt leuchtenden großen Gasnebel mit eindrucksvollen strukturierten Dunkelwolken und darin eingebettet den Offenen Sternhaufen NGC 6530, der viele nadelfeine Sterne zeigt. Ca. 1,5° nordwestlich von M8 kann man M20 finden, den „Trifidnebel“. Bei günstigen Beobachtungsbedingungen sieht man ihn schon im kleinen Fernrohr als eine matt leuchtende Nebelwolke, die von davor liegenden dunklen Staubbändern in drei Teile aufgespaltet ist.

 

Steinbock

Östlich des Sternbilds Schütze liegt das Sternbild Steinbock. Am westlichen Rand des Sternbilds Steinbock sieht man mit dem bloßen Auge einen auffälligen Doppelstern. Das ist der 3,9m helle Stern Algiedi (Alpha). Seine beiden Partnersterne (Alpha 1 und Alpha 2) sind kein durch Schwerkraft aneinander gebundenes Sternenpaar, sie liegen von uns aus gesehen nur zufällig in derselben Richtung. Im Fernrohr erkennt man jedoch, dass jeder dieser Partnersterne seinerseits ein echter Doppelstern ist. Die Partnersterne dieser beiden Doppelsterne sind jedoch leuchtschwach.

Ca. 2,5° südöstlich von Algiedi liegt der 3 m helle Stern Dabih (Beta). Dabih ein physischer Doppelstern, seine beiden Partnersterne haben verschiedene Farben, sie stehen im Abstand von 210 Bogensekunden voneinander. Daher sieht man sie bereits im Fernglas schön getrennt.

Bei sehr guten Bedingungen kann man in einem lichtstarken Fernrohr ca. 7° südsüdwestlich von Delta Capricornis den kleinen Kugelsternhaufen M30 wahrnehmen. Dann findet man vielleicht ca. 8.3° westlich von Algiedi (Alpha Capricornis) mit einem lichtstarken Fernrohr bei 80-facher Vergrößerung ein winziges grünliches Wölkchen. Das ist der Planetarische Nebel NGC 6818. Durch seine Farbe unterscheidet er sich deutlich von allen Sternen seiner Umgebung. Er ist unter dem Namen „Little Gem Nebel“ bekannt.

 

Abschluss

Die dunkelste Phase der kurzen Juninacht endet bereits gegen 2:00. Über dem östlichen Horizont sind dann schon die hellsten Sterne des Sternbilds Pegasus zu sehen. Das ist ein Hinweis darauf, dass bereits in drei Monaten der Herbst beginnt, und dass die Nächte schon sehr bald wieder deutlich dunkler und länger sein werden, als sie es derzeit im Juni noch sind.

Um 3:00 zeigt sich der Nachthimmel bereits wieder so hell, dass man daran mit dem bloßen Auge nur noch die helleren Sterne wahrnehmen kann.
Spätestens dann machen weitere Beobachtungen keinen Sinn mehr, und es wird Zeit, die Geräte einzupacken. Sie sind mit Tau bedeckt, den wir mit Handtüchern abtrocknen. Danach verstauen wir Geräte, Montierungen, Stative und sonstiges Zubehör samt den zusammengeklappten Campingmöbeln zwischen weichen Decken im Kofferraum.
Dann prüfen wir mit unseren Lampen am Beobachtungsplatz nach, dass wir am dunklen Boden keine Ausrüstungsteile, Kleidungsstücke oder etwas von unserem Abfall übersehen haben, und was wir davon finden, das sammeln wir ein.
Dann steigen wir ins Auto und fahren los. Unter dem heller werdenden Morgendämmerungshimmel geht unsere Fahrt wir wenig später auf der einsamen Straße von der Wiesenhochfläche durch den noch nebelig-dunklen Buchenwald hinab ins Tal, und weiter nach Hause.

 

Weiter lesen

nach oben

Anzeige