Tag 6: Honningsvåg, leider kein Nordkapp und ein fliegendes Buffet

 In der Nacht wurde die Uhr wieder auf Sommerzeit umgestellt. Als der Zeiger auf 2 Uhr mitteleuropäischer Zeit vorrückte, war es plötzlich 3 Uhr Sommerzeit. Die Tage zuvor haben wir schon gerätselt, wie das Schiff dann den Fahrplan einhalten wird. Jedenfalls stehen im aktuellen Plan dieselben An- und Abfahrtszeiten wie zur Winterzeit.

Während des Frühstücks laufen wir in Havøysund ein. Kurz zuvor begegnen wir der Richard With, die schon auf dem Weg nach Süden ist. Wir schauen während unseres Frühstücks kurz zu, wie das Schiff sich durch die recht stürmische See kämpft.

Offensichtlich hat unser Schiff den Zeitsprung noch nicht aufgeholt. Es ist jetzt 09:45. Laut Fahrplan hätten wir um 08:45 den Hafen Havøysund erreichen sollen, jetzt ist es aber eine Stunde später. Nun gut. Wahrscheinlich wird die Trollfjord in der Barentssee schneller fahren und bis Kirkenes, unserem Wendepunkt wird sie die Zeitdifferenz ausgeglichen haben. Uns kann es ja auch egal sein.

Aber es kommt anders. Für heute Abend ist starker Wind vorhergesagt. Ein Sturmtief soll vor uns von Nordwest nach Südost durchlaufen. Kurz vor Honningsvåg gibt Tone über Lautsprecher bekannt, dass der Ausflug ans Nordkap für heute gestrichen ist. Der Wind ist dort zu stark. Auch die Ausflüge in die Fischerdörfer wurden abgesagt. Später erfahre ich von Kari, dass in der Woche zuvor nur einmal die Tour zum Nordkap durchgeführt werden konnte und das gestrige Schiff Honningsvåg überhaupt nicht anlaufen konnte. Stattdessen fuhr es um das Kap nördlich herum.

Bei der Ankunft zeigt sich Honningsvåg tief verschneit.

Das Wetter in Honningsvåg zeigt sich tatsächlich erst einmal von seiner ungemütlichen Seite. Durch die Straßen jagt kurz nach dem Anlegen ein heftiger Schneesturm. Also verzichten wir auf einen Spaziergang. Außerdem ist Sonntag und bis auf das Café in Hafennähe alles geschlossen. Eine halbe Stunde nach dem Sturm strahlt die Sonne von einem strahlend blauen Himmel, als ob vorher nichts gewesen wäre. Aber der Wind wird immer heftiger. Ein Paar aus unserer Gruppe erzählt, dass es auf der Hauptstraße nach Osten spazieren ging. Als sie aber um die Ecke kamen, blies der Sturm ihnen so heftig entgegen, dass sie umkehren mussten.

Als wir ablegen, scheint die Sonne über uns und lässt die Winterlandschaft in einem wunderschönen Licht erstrahlen. Nur vor uns ziehen immer wieder dunkle Vorhänge aus Schnee durch. Es weht ganz ordentlich auf dem Oberdeck und dem Umlauf, aber warm eingepackt, tummeln sich zahlreiche Mitreisende und fotografieren eifrig die schneebedeckten Hügel und Berge auf den Inseln, an denen wir vorbeifahren. Der Wind kommt glücklicherweise von hinten und das Schiff liegt relativ ruhig auf dem Wasser.

Finnkirka, der heilige Platz der Samen

Am späten Nachmittag näher wir uns der Felsformation Finnkirka. Dieser Platz ist für die Samen ein heiliger Ort. Von einer bestimmten Position erscheinen die Felsen wie eine kleine Kapelle. Trotz des starken Windes und einzelner kleiner Schneeschauer haben sich zahlreiche Reisende auf dem Umlauf und Deck 9 versammelt, um diesen besonderen Ort zu sehen.

Der angekündigte Krabbenfischer, der uns die Königskrabbe zeigen soll, kommt heute sicherheitshalber erst im nächsten Hafen, in Kjøllefjord, an Bord. Leider verpasse ich ihn, weil ich im Konferenzraum Amfi meinen Vortrag vorbereiten muss. Aber einige Gruppenmitglieder erzählen begeistert von der Vorstellung.

Diesmal gibt es von mir die Grand Tour durch das Sonnensystem. Die Technik funktioniert seit Tromsø wieder. Zum Schluss des Vortrags erzähle ich noch etwas Aktuelles über die Suche nach Planet Nummer 9, der weit draußen im Kuipergürtel vermutet wird. Bei solchen Gelegenheiten stelle ich immer wieder fest, dass alle gespannt zuhören, wenn aus der vordersten Forschungsfront berichtet wird. Ich beschließe, möglichst immer etwas aus der aktuellen Forschungsfront in die Vorträge einfließen zu lassen.

Schon während des Vortrags steigert sich der Sturm zum Orkan. Ich musste mich mehrere Male am Podest festhalten, um nicht umzufallen. Kurz vor dem Abendessen machen meine Frau und ich uns noch einmal in der Kabine frisch. Als ich aus dem Bullauge schaue, sehe ich, wie zwei große Wellen sich von Backbord dem Schiff nähern. Ich denke noch, jetzt wird es gleich ungemütlich, als sich die Trollfjord auch schon zur Seite neigt. Bücher und Unterlagen, die auf dem kleinen Kabinentisch liegen, und unsere Sachen auf dem kleinen Schreibtisch am Spiegel fallen herunter und verteilen sich auf dem Fußboden. Nur die Vase mit dem Geburtstagsstrauß meiner Frau bleibt oben, weil sie auf der gegenüberliegenden Seite des Spiegels von einem Vorsprung aufgefangen wird. Allerdings schwappt die Hälfte des Wassers heraus.

Trotzdem, noch mal gutgegangen. Wir machen uns fertig und schwanken mehr als wir gehen zum Abendessen. Gerade als wir dort ankommen, wird der Eingang geschlossen, weil ein Teil des Buffets heruntergefallen ist und erst sauber gemacht werden soll. Wir müssen nicht lange warten. Nach etwa fünf Minuten lässt man uns herein.

Wir lassen es uns schmecken. Die Welle ist aber das Thema beim Abendessen. Zum Glück wurde niemand ernsthaft verletzt.

Selbst wenn es heute Abend noch aufklaren und das Nordlicht über der stürmischen Barentssee tanzen sollte, werden wir es nicht sehen. Die Ausgänge zum Umlauf auf Deck 6 und zum Oberdeck wurden zur Sicherheit geschlossen. Tone informiert über die Bordlautsprecher, dass wir draußen einen Wind mit einer mittleren Geschwindigkeit von 35 Meter pro Sekunde haben. Das entspricht Windstärke 12. Dazu gibt es fünf Meter hohe Wellen.

Die Trollfjord fährt nach der Welle in einem großen Bogen zum Hafen Mehamn, um möglichst vor dem Wind zu bleiben und den wilden Wellen in Ufernähe auszuweichen. Das gelingt auch ganz gut, da das Stampfen und Rollen des Schiffs deutlich weniger wird. Im Hafen von Mehamn macht das Schiff aber nicht fest, zu stark ist der Seegang. Es bleibt nur wenige Sekunden stehen und setzt dann sofort seine Fahrt wieder fort.

Den nächsten Hafen, Berlevåg, lassen wir ganz aus, aber Båtsfjord liegt so geschützt, dass wir hier kurz vor Mitternacht anlegen können.

Damit geht ein ereignisreicher und aufregender Tag zu Ende. Wegen der Ereignisse habe ich überhaupt nicht mehr darauf geachtet, wann das Schiff wieder im Fahrplan war.

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