Tag 9: Ein plötzliches Ende in Risøyhamn

Heute Morgen steht die Vesterålen Panorama Tour von Harstad nach Sortland durch die Vesterålen auf dem Programm. Die Fahrt beginnt um 8 Uhr. Deshalb gehen meine Frau und ich erst nach der Abfahrt der Busse zum Frühstück, um dem Ansturm der Teilnehmer zu entgehen. Wir lassen uns Zeit und plaudern mit den auf der Trollfjord verbliebenen Gästen.

Um Viertel nach zehn erreichen wir die Risøyrenna, ein etwa viereinhalb Kilometer langer Kanal, der nur 7 Meter tief und bis zu 100 Metern breit ist. Der Kanal wurde 1922 von König Haakon VII. eingeweiht und sorgt dafür, dass Stokmarknes besser zu erreichen ist. Wir versammeln uns mit einigen Passagieren am Bug auf dem Umlauf um Deck 6 und verfolgen die Durchfahrt durch die Engstelle. Die Rinne ist vom Schiff aus durch Markierungspfähle, die links und rechts aus dem Wasser ragen, erkennbar. Langsam bewegt sich die MS Trollfjord durch die Kurven der Risøyrenna. An ihrem Ende liegt der Hafen von Risøyhamn und dahinter spannt sich in weitem Bogen die Straßenbrücke nach Dragnes auf der gegenüberliegenden Seite des Risøysundets.

In Risøyhamn sollen wir nur einen kurzen Halt einlegen. Da wir immer an Backbord, in Fahrtrichtung links, anlegen, muss das Schiff gewendet werden. Dazu setzt es gewöhnlich seine Seitenruder und das Strahlrohr ein, um die Geschwindigkeit zu verringern und eine enge Kurve zu fahren. Dann vibriert die Trollfjord heftig. Aber diesmal – nichts. Das Schiff wird kaum langsamer und die Kaimauer kommt immer näher. „Na, der Kapitän wird doch wissen, was er tut?“, fragt sich mancher Zuschauer, ebenso wie ich. Aber der Anblick der Hafenarbeiter am Kai, die in aller Ruhe zusehen, beruhigt uns.

Das Loch im Bug der Trollfjord

Doch dann haben wir Gewissheit: „Das schafft der nie!“. Dann knirscht es auch schon recht laut und mit einem dennoch überraschend sanften Ruck kommt die Trollfjord zum Stehen. Ein Besatzungsmitglied eilt an den Bug des Schiffes und schaut hinunter auf den Kai. Von den Hafenarbeitern können wir nichts sehen. Langsam setzen wir zurück. Jetzt sehen wir ein klaffendes Loch in der Kaimauer, das neugierig von den Hafenarbeitern betrachtet wird. Die haben aber die Ruhe weg, als ob so etwas hier öfters geschehen würde.

Nachdem wir seitlich am Kai liegen, öffnet sich die Passagierklappe und wir eilen alle nach draußen. Als ich den Schaden am Schiff sehe, denke ich mir gleich, dass wir nicht weiterfahren können. Etwa zwei Meter über der Wasserlinie starrt uns ein großes Loch im Bug an. Die Trollfjord ähnelt damit einem Hai. Offensichtlich befindet sich dahinter der Frachtraum des Schiffes, denn Pakete sind zu erkennen. Durch den Aufprall fielen einige ins Wasser und treiben nun langsam vor dem Schiff umher.

Wir bleiben eine ganze Weile draußen und warten ab, wie es weitergehen wird. Jetzt habe ich endlich einmal Zeit, mir in Ruhe den Königstein am Hafen anzusehen, auf dem sich die Unterschrift von König Haakon anlässlich der Eröffnung der Risøyrenna befindet. Später, 1959, wurde auch die Unterschrift von König Olav hinzugefügt.

Noch am Vormittag ruft der Kapitän die Passagiere in den Konferenzraum, um uns zu informieren. Noch liegt die Ursache im Dunkeln, aber man vermutet ein Problem mit der Maschine. In Kürze sollen Taucher und Ingenieure eintreffen, die den Schaden und die Ursache genauer untersuchen werden. Das Schiff bleibt deshalb bis mindestens 18 Uhr hier liegen und wir Passagiere können uns die Umgebung ansehen.

Winterlandschaft bei Risøyhamn

Das verschieben wir aber auf den Nachmittag. Dann wollen wir uns einen Platz suchen, von dem aus wir Nordlichter fotografieren können, ohne störendes Licht und Schiffsbewegungen.

Die Landschaft um uns herum ist schön. Berge und der Ort liegen unter hohem Schnee. Von der Sonne beschienen zeigt sich die Umgebung von ihrer schönsten Seite. Als wir mit Franz zu unserem Ausflug aufbrechen, entscheiden wir uns, zur Hauptstraße zu gehen. Auf dem Satellitenbild haben wir dort ein einzelnes Haus gesehen. Vielleicht können wir hier die Kameras aufstellen. Es tut gut, sich zu bewegen. Wir genießen die frische, klare Luft, den Schnee und die Stille. Das Haus, das wir im Internet sahen, ist wohl ein Ausflugslokal und zur Zeit geschlossen. Es gibt zwar einen Bewegungsmelder, der die Außenbeleuchtung aktiviert, aber die befindet sich nur an einer Ecke und geht nach wenigen Sekunden wieder aus. Für uns wäre die Stelle durchaus geeignet, von hier aus zu fotografieren. Aber die Straße hierher war glatt und da es keinen Gehweg gibt, wollen wir niemand in der Dunkelheit in Gefahr bringen und gehen deshalb wieder in das Dorf zurück. Vielleicht gibt es hier doch eine geeignete Stelle zum Fotografieren des Nordlichts. Der Ort gefällt uns.

Wer Ruhe sucht, wird sich hier wohl fühlen. Nicht weit vom Hafen gibt es ein Café und ein Gästehaus. Etwas weiter weg finden wir einen kleinen Supermarkt mit einer Tankstelle davor. Die Häuser sind meist in einem guten Zustand. Manche sind aber wohl Ferienhäuser. Es brennt zwar Licht darin, aber im Schnee herum sind keine Fußspuren zu sehen. Strom ist halt billig in Norwegen. Dann macht es nichts, wenn der Letzte vergisst, das Licht auszumachen. Eine geeignete Stelle zum Fotografieren finden wir aber nicht im Dorf. Dann bleiben wir halt auf dem Schiff. Das liegt ja ruhig im Hafen. Der Ort ist klein, somit sollten seine Lichter nicht sonderlich stören.

Gegen 18 Uhr gibt es neue Informationen von der Schiffsleitung. Wir müssen die Reise hier abbrechen, können aber die Nacht in unseren Kabinen verbringen. Am nächsten Morgen sollen wir mit Bussen zu den Flughäfen bei Harstadt-Narvik bzw. Andenes gebracht werden, um nach Trondheim zu fliegen. Dort hat man für uns im Clarion in der Nähe des Hurtigruten-Anlegers, Zimmer mit Vollpension gemietet. Um uns den Aufenthalt zu verschönern, wird am Abend am Kai ein Feuer entzündet werden und es gibt etwas zu essen und zu trinken. Außerdem sollen die Reisenden einen Teil des Reisepreises zurück bekommen.

Alle sind zufrieden und wir lassen uns anschließend das Abendessen schmecken.

Polarlicht über Risøyhamn

Als es dunkel genug wird, tauchen tatsächlich einige Nordlichter zwischen den Wolkenlücken auf. Die Lichter einer Baustelle an der Schule des Dorfes stören nur wenig. Anfangs ist die Aktivität noch recht gut, aber sie wird immer schwächer, je später der Abend wird. Trotzdem können einige schöne Aufnahmen gemacht werden.

Gegen 22 Uhr brennt das Feuer am Kai. Zum Essen gibt es gesalzene Lammkeule und alkoholisches sowie heiße Schokolade zum Trinken. Ich bin nur kurz dort, als das Nordlicht eine Pause einlegt, und unterhalte mich mit einem Paar aus England, das immer wieder zum Himmel schaut und auf Nordlichter wartet. Offensichtlich hat ihnen niemand erzählt, dass man sich dafür einen möglichst dunklen Ort sucht und dann geduldig wartet. Auf jeden Fall haben sie noch kein Polarlicht gesehen! Ich erkläre ihnen noch, dass sie zurück auf das Schiff gehen und dort auf Deck 9 sich zu den anderen gesellen sollen. Heute Abend gab es immerhin schon einige Nordlichter zu sehen.

Zurück auf dem Schiff erfahre ich, dass es inzwischen wieder ein kurzes Aufflackern des Nordlichts gab, aber jetzt hat es sich ziemlich beruhigt. Das ändert sich auch nicht mehr im Laufe des Abends. Gegen Mitternacht zieht es immer weiter zu und leichter Schneefall setzt ein.

Ein aufregender Tag, aber alles in allem sehr interessant und unvergesslich, geht zu Ende.

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