03. Woche - NGC 2170 im Monoceros - was ist da eigentlich los???

 -  Astrofoto der Woche
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Das heutige AdW zeigt ein herrliches Objekt im Sternbild Monoceros, bekannt als NGC 2170. Die Aufnahme stammt vom Capella-Team (www.capella-observatory.com) mit den Bildautoren Josef Pöpsel, Stefan Binnewies und Frank Sackenheim. Die Aufnahmeserie zum Bild entstand am 03.03.2022, Aufnahmeort war das Capella-Observatorium in Neroth in der Eifel. Das Teleskop Ganymed mit 610 mm Öffnung wurde im Primärfokus bei 1816 mm Brennweite betrieben. Dazu wurde als Kamera eine ZWO ASI094 Pro mit interner Bayer-Matrix eingesetzt, ansonsten wurden keine weiteren Filter verwendet. Belichtet wurde 52 x 5 min, insgesamt also 4 h 20 min. Die Bildbearbeitung erfolgte mit MaxIm DL und Photoshop CC. Das Bild zeigt eine Feldgröße von 54,7' x 44,3', Norden liegt oben, Osten links.

Was ist auf dem AdW zu sehen und was geht in NGC 2170 eigentlich vor? Handelt es sich um einen Reflexionsnebel? Um eine HII-Region? Im Bild sind zahlreiche verschiedenfarbige Nebel zu sehen. Bei den Pixelkoordinaten (2464/1656) liegt der 10,38 mag helle Stern BD-06°1415, diffus leuchtend aus dem Inneren des blauen Reflexionsnebels vdB 67 = GN 06.05.1 = [RK68] 48. Erklärung: [RK68] 48 bedeutet: Reflexionsnebel Nr. 48 aus dem Katalog von Rojkovskij und Kurchakov, 1968. Bei (1882/902) sehen wir den 9,65 mag hellen BD-06°1417 im blauen, faserigen Reflexionsnebel vdB 68 = GN 06.05.7.01 = [RK68] 49. Und bei (1859/1491) liegt BD-06°1418 mit 9,63 mag um den Reflexionsnebel vdB 69 = [RK68] 51. Auch dieser Nebel ist blau und faserig. Links im Bild steht noch der Reflexionsnebel NGC 2182 = vdB 72 = [RK68] 52 = Ced 68 = DG 93 = LBN 998 mit dem 9,3 mag hellen B3-Zentralstern BD-06°1431.

Ein Objekt, das man selten in einer so krassen Form sieht wie hier, ist der Dunkelwolkenkomplex, der sich aus dem Gebiet zwischen vdB 67 bis vdB 69 nach Osten erstreckt. Diese Dunkelwolke besteht aus sehr vielen markanten, pechschwarzen Strähnen und erinnert an die Medusa, das Monster aus der griechischen Mythologie mit den Schlangenhaaren. Astronomisch darf man vermuten, dass diese chaotische Struktur um Dobashi 4977 sicherlich dynamisch geformt wurde. Südöstlich der dunklen Strähnen liegt das Nebelgebiet LBN 999, das einen bläulich schimmernden Reflexionsanteil zeigt, der sich einem rot leuchtenden, ausgedehnten HII-Gebiet überlagert.

Und jetzt zu dem rot leuchtenden Gebiet zwischen vdB 67 und vdB 69. Dort liegt NGC 2170 der auch als LBN 994, als Ced 63 (Cederblad, 1946) und als DG 88 (Dorschner und Gürtler, 1963) katalogisiert wurde. NGC 2170 wird seltsamerweise vielfach als Reflexionsnebel bezeichnet, sowohl in SIMBAD als auch im Lynds-Katalog der hellen Nebel. Im Lynds-Katalog wird sogar angegeben, dass NGC 2170 im blauen Licht am stärksten leuchtet - kaum nachzuvollziehen, wenn man die rötliche Färbung im AdW sieht! Aber die Radioastronomie lieferte dazu eine passende Bestätigung: Am Ort von NGC 2170 wurde die HII-Region GAL 213.71-12.6 entdeckt. Eine interessante Literaturquelle dazu ist: Hughes V.A., Baines J.G.N.: "The star forming regions in the Monoceros R2 molecular cloud", Astrophys. J. 289, 238-243 (2/1985).

Der gesamte sichtbare Bereich im AdW ist Teil der riesigen Molekülwolke Mon R2 GMC (GMC = Giant Molecular Cloud). Ihr Zentrum befindet sich ziemlich genau am Ort von NGC 2170. Bitte daran erinnern: Eine Molekülwolke besteht aus molekularem Gas, welches mit Staub vermischt ist. Das Gas bleibt unsichtbar, kann aber radioastronomisch nachgewiesen werden. An den Stellen, wo sich Sterne in der Molekülwolke befinden, kann es zur Ionisation kommen. Dann entstehen dort HII-Regionen. Wird der Staub durch Sterne angeleuchtet, haben wir es mit Reflexionsnebeln zu tun.

Die kennen wir bereits, aber wo sind nun die HII-Regionen und wer bringt sie zur Emission? Schauen wir uns jetzt das Zusatzbild an. Es zeigt den mittleren Bereich von NGC 2170 in zwei Ansichten. Links ist der zentrale Ausschnitt um NGC 2170 zu sehen, im optischen Licht aus dem Himmelsatlas Aladin/DSS in der Datenbank Simbad. Die besprochenen Objekte sind beschriftet. Rechts ist exakt dieser Bildausschnitt nochmals zu sehen, aber aus dem nahinfraroten Survey 2MASS (two micron all sky survey), der ja über Aladin auch verfügbar ist. Und hier zeigt sich eine dicke Überraschung: Am Ort von NGC 2170 liegt eine große junge Sternassoziation - vielleicht sogar ein Sternhaufen? Sie ist tief im Staub verborgen und lässt sich nur in diesen Wellenlängen um 2 Mikrometer und mehr sichtbar machen. In diesem Objekt wurde eine kleine, aber extrem aktive Zone massiver Sternentstehung gefunden, und zwar mit Hilfe des Herschel-Weltraumteleskops bei unterschiedlichen FIR-Wellenlängen (FIR = far infrared, fernes Infrarot). Ziel der Herschel-Mission war die Auffindung von OB-Sternen mit Hilfe von IR-Untersuchungen in verstaubten Zonen des Himmels. Näheres kann man nachlesen in einer informativen Publikation von T.S.M. Rayner et al.: "Far-infrared observations of a massive cluster forming in the Monoceros R2 filament hub", Astron. & Astrophys. 607, id. A22, 24 pp. (10/2017). Damit ist jetzt geklärt: Hier sitzen die heißen, bisher verborgenen Sterne, die die rote Hα-Emission der HII-Regionen erzeugen. Die Entfernung zu Mon R2 GMC konnte auf 830 pc (~2700 Lj) bestimmt werden, was gut zu den neuen Gaia-Daten passt. Sie liefern für den Stern HD 42051 in LBN 999 eine Entfernung von 2770 Lichtjahren. Damit wird die IR-Sternansammlung in NGC 2170 etwa 6 Lichtjahre groß.

Anmerkungen: Das vorliegende AdW ist hinsichtlich der Bildbearbeitung hervorragend gelungen, daran kann kein Zweifel bestehen. Das zeigt uns: Auch eine eher konservative Vorgehensweise kann solche Resulate liefern. Neben diesem Lob sei eine winzige Kritik erlaubt: Der Bildausschnitt hätte noch etwas günstiger gelegt werden können, noch ein kleines Stückchen nach Osten, um den gesamten Nebelkomplex etwas zentraler im Bild zu haben. Mehr muss aber nicht angemerkt werden. Wir dürfen mit dieser Teleskop-Konfiguration bei f/3 demnächst sicherlich noch weitere feine Objekte bewundern!

Das gesamte AdW-Team bedankt sich herzlich für diese wunderbare Bildeinsendung und gratuliert ganz herzlich zum Astrofoto der Woche!

 

Peter Riepe
Kontakt: Stefan Binnewies für das Capella-Team

 

Koordinaten von NGC 2170 (J2000.0):
RA = 06 h 07 min 48 s, DE = -06° 23' 06"

 

 

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