10. Woche - LBN 603 – keineswegs ein „bright nebula“ !

 -  Astrofoto der Woche  - 

Heute gibt es nach langer Zeit wieder einmal ein Objekt aus dem Lynds-Katalog der hellen Nebel (LBN). Es handelt sich um LBN 603 in der Cassiopeia. Wir werden aber sehen - unter „hell“ versteht man eigentlich etwas ganz Anderes ... Patrick Winkler ist der Autor. Er hat dieses Bild im Herbst 2018 erstellt (Norden oben, Osten links, Feldgröße 135' x 108'). Aufnahmeort war Siegenfeld in Niederösterreich. Das Teleskop, ein TeleVue NP 127fli, hat 127 mm Öffnung und 680 mm Brennweite. Als Kamera wurde eine FLI ML 16200 von Fingerlakes Instruments verwendet. Die Belichtungszeiten für das LRGB-Bild: 280 min für die Luminanz und jeweils 112 min für RGB. PixInsight und Photoshop waren als Software im Einsatz.

Jetzt die gewohnten Informationen für all diejenigen, die neben den Aufnahmedaten auch etwas über das fotografierte Motiv erfahren möchten. Im Originalkatalog von Beverly T. Lynds [Catalogue of bright nebulae; Astrophys. Suppl. Ser. 12, 163-185 (1965)] wird für diesen Nebel eine Ausdehnung von 85' x 50' angegeben. Eine Aussage für die Farbe wird auch getroffen. Eine „2“ bedeutet: genauso stark auf der roten wie auf der blauen POSS-PLatte. Für die Nebelhelligkeit wird eine „6“ in der Stufung von 1 (gut erkennbar) bis 6 (kaum erkennbar) angegeben. Und das AdW zeigt: Nach der Gesamtbelichtung von 10 Stunden 16 Minuten für Blende 5,3 kommt der Nebel auch nicht gerade „brüllend hell“ zur Geltung. Offensichtlich haben wir es hier mit einem recht lichtschwaches Objekt zu tun, bei dem zusätzlich noch die folgende Schwierigkeit vorliegt: Wohldefinierte Deep-Sky-Objekte werden gern in ihrem Winkeldurchmesser angegeben. Man spricht auch vom „scheinbaren Durchmesser“. Darf man bei LBN 603 aber wirklich von einem wohldefinierten Objekt wie z.B. bei einer Galaxie sprechen? Wohl kaum, denn LBN 603 zeigt in dem großen Bildfeld nicht nur innere Klumpungen und schwache Ausläufer nach außen, sondern auch Übergänge und Verbindungen zu den benachbarten Nebeln. Stetig verlaufende Objektgrenzen sind überhaupt nicht zu erkennen, und das wird in dem kontrastverstärkten Bild sofort deutlich (hier klicken). Das ist auch der Grund, weshalb hier keine Objektkoordinaten gelistet werden, sondern die Koordinaten der Bildmitte. Die Simbad-Koordinaten erscheinen mir ganz und gar nicht treffend zu sein.

Eine zweite Sache macht mir Kopfzerbrechen. In der Datenbank Simbad wird LBN 603 doch tatsächlich als HII-Region bezeichnet!!! Mir erschließt sich dafür keinerlei Begründung. Gerade dieses langbelichtete AdW lässt doch nicht die Spur eines Hinweises auf eine Hα-Emission erkennen. Hier liegt offensichtlich ein sehr lichtschwaches Reflexionsnebelgebiet mit eingelagerten Dunkelwolken vor, das in Teilen schon an den galaktischen Zirrus erinnert. O-Sterne, die in einer HII-Region eine Linienemission bewirken, sind im gesamten Bildfeld nicht auffindbar. Der dem Nebel nächstgelegene helle Stern ist V486 Cas bei den Pixelkoordinaten (1438/618). Der Veränderliche ist ein spektroskopischer Doppelstern von B = 6,99 mag und V = 6,95 mag. Sein Farbindex B-V = 0,04 mag deckt sich mit der zu erwartenden Farbe Blau, die der Spektraltyp B1 vorgibt. Dieser Spektraltyp zählt vom Energieausstoß her zu den Sternen, die eine HII-Region von 20 Lj Durchmesser gerade noch als Strömgren-Sphäre zum Leuchten bringen können. Theoretisch wäre eine HII-Region möglich, aber erstens steht V486 Cas gar nicht in LBN 603, sondern weit am Rand (auch das wird in dem kontrastverstärkten Bild sofort klar). Zweitens: Wo sind die Spektren oder die Linienfilteraufnahmen, die für dieses Objekt tatsächlich einen Emissionslinien-Charakter beweisen oder zumindest eine Spur erkennbares Hα-Rot zeigen? Außerdem ist nichts über die Entfernung und damit über die tatsächliche Größe von LBN 603 bekannt. Es kann demnach nicht vorausgesetzt werden, dass V486 Cas mit seiner Parallaxe von 0,3629 arcsec (~ 900 Lj Entfernung) überhaupt zum Nebel gehört. Außer dem 1965er Katalogartikel von Frau Lynds hat es in den vergangenen 54 Jahren keinerlei fachliche Publikation zu LBN 603 gegeben.

Anmerkung zum AdW: Der Autor hat sich wirklich Mühe gegeben, ein dermaßen tiefes Bild zu liefern. Auch die Farbwiedergabe ist schon recht ordentlich, gerade was die Reflexionsnebel und Dunkelwolken betrifft. In der Annahme, dass Patrick Winkler eine korrekte Farbkalibrierung vorgenommen hat, bleibt aber festzustellen: Das leuchtende Blau für den Farbindex B-V = 0,04 mag bei V486 Cas und auch anderen benachbarten blauen Sternen könnte ruhig noch etwas kräftiger ausfallen.

Wir danken ganz herzlich für dieses gelungene, informative Bild und gratulieren zum AdW!

Peter Riepe

 

Koordinaten der Bildmitte (J2000.0):

RA = 00 h 46 min 05 s, DE = +52° 16´ 06´´

 

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