39. Woche - Ein kaum bekannter Filamentnebel: [GS55] 190 im Schwan

 -  Astrofoto der Woche

Das Sternbild Schwan ist erfüllt von leuchtendem Wasserstoff. Gerade im Sternendreieck Alpha Cygni, Gamma Cygni und Delta Cygni befinden sich viele faserförmige Nebel. Etwas oberhalb der Verbindungslinie α Cygni und δ Cygni liegt der 4-mag-Stern Omicron 2 Cygni, ein orangegelber Bedeckungsveränderlicher des Algoltyps. Scheinbar um ihn herum scharen sich einige recht lichtschwache Nebelstränge, die stark an den Zirrusnebel erinnern. Während der Zirrusnebel aber ein Supernovarest ist und sowohl in Hα als auch in [OIII] starke Emissionen aufweist, leuchten diese Fasernebel um Omicron 2 allein in Hα. Bildautor ist Lutz Friedrich, den wir hier als Neuling im Kreis der AdW-Fotografen ganz herzlich begrüßen. Er nahm das Motiv am 7. August 2019 auf, Standort war Hasbergen bei Osnabrück. Teleskop war ein Maksutov-Newton (Marke Explore Scientific) von 152 mm Öffnung und 740 mm Brennweite. Als Kamera wurde eine modifizierte Canon 1000D eingesetzt. Und weil ja die Großstadt Osnabrück sehr viel Lichtaufhellung bewirkt, nutzte der Bildautor auch einen CLS-Filter (Neumann). Belichtet wurde insgesamt 61 Minuten bei ISO 800. Das Bildfeld beträgt 104' x 69', Norden ist oben, Osten links.

Jetzt wie üblich mehr zum Aufnahmeobjekt. Schon bald nach dem zweiten Weiltkrieg befassten sich die Astronomen mit der Auffindung galaktischer Sternhaufen und Nebel. Bekannt wurde ab etwa 1948 der Palomar Observatory Sky Survey (POSS). Mit dem großen 1,2-m-Schmidtspiegel wurden fotografische Glasplatten im blauen, grünen und roten Licht belichtet, so dass man insbesondere die leuchtenden HII-Regionen gut auffinden und von blauen Reflexionsnebeln unterscheiden konnte. Weniger bekannt dürfte sein, dass auch in der Sowjetunion - genauer gesagt an der Südspitze der Halbinsel Krim - ein leistungsfähiges Observatorium stand und noch heute steht: das Simeis-Observatorium, wo der berühmte Simeis-Nebelkatalog entstand. Anfang der 1950er Jahre waren dort Vera Fedorovna Gaze und Grigory Abramovich Shajn sehr aktiv. Ihre entdeckten Nebel erhielten entweder eine Simeis-Nummer oder die Bezeichnung "GS" nach ihren Anfangsbuchstaben. Gaze und Shajn – sie starben Mitte der 1950er Jahre – brachten mehrere interessante Artikel heraus, die jedoch in der amerikanisch dominierten Astronomie-Szene damals zur Zeit des kalten Krieges wenig Beachtung fanden. Doch das änderte sich schnell: Insbesondere die Franzosen waren es, die der russischen Fachliteratur ein wenig "auf die Sprünge" halfen. So ist die französisch geführte Datenbank Simbad (nicht Sindbad, das war der legendäre Seefahrer ...) eine fundierte Quelle. Kurz und gut: Unser heutiger Faserebel trägt die Bezeichnung [GS55] 190, also die Nummer 190 im 1955 herausgegebenen Nebelkatalog von Gaze und Shajn. Bekannt wurde ihr Werk: Gaze V.F., Shajn G.A. (1955): Catalogue of Emission Nebulae; Izv. Krym. Astrofiz. Obs. 15, 11-30. Wer sich für diesen Nebelkatalog interessiert, findet in Simbad eine große Tabelle astrofotografisch interessanter Objekte: http://simbad.u-strasbg.fr/simbad/sim-ref?querymethod=bib&simbo=on&submit=submit+bibcode&bibcode=1955IzKry..15...11G

Allerdings entdeckten Gaze und Shajn die Nebel um Omicron 2 Cygni bereits 1952 und berichteten darüber separat.

 

Die HII-Regionen im betrachteten Gebiet fanden 14 Jahre später weitere Aufmerksamkeit im publizierten DWB-Katalog. Dickel H.R., Wendker H.J., Bieritz J.H. (1969): The Cygnus X region. V. Catalogue and distances of optically visible H II regions; Astron. & Astrophys. 1, 270-280. Aus diesem Katalog ist eine Seite besonders interessant, hier klicken. Die Grafik zeigt die DWB-Nebel im Cygnus. Schaut man ganz nach oben, so entdeckt man [GS55] 190 mit den Teilfilamenten DWB 171, 172, 1777, 178 und 179. Die Zuordnung zum Astrofoto der Woche ist leicht. Es fehlt in unmittelbarer Nähe ein signifikanter O-Stern. So fragt man sich, wodurch diese Fasernebel zum Lechten angeregt werden. Sicherlich ist hier das gesamte Strahlungsfeld aller jungen Sterne der Cygnus-Milchstraßenwolke verantwortlich. Andererseits erzeugen Filamente aber immer den Gedanken an Supernova-Überreste, die sich im Raum ausdehnen und mit der vorhandenen interstellaren Materie (Gas und Staub) kollidieren. So kommt deren Anregung zum Leuchten ja überhaupt erst zustande. Bei Wolf-Rayet-Nebel liegt ein ähnliches Prinzip vor. Dennoch dürfte hier eine Fülle expandierender HII-Filamente vorliegen, so wie bei Barnard´s Loop im Orion, nur eben feiner.

Anmerkung zum Bild: Mit der Belichtungszeit von gut einer Stunde ist das Objekt sicherlich sehr knapp belichtet. Der Astrofotograf sollte jedoch beachten: Je länger die Belichtungszeit, desto besser wird das Signal/Rausch-Verhältnis. Zehn Stunden hätten dem Motiv sicherlich gut getan. Eine Sache fällt bei näherer Betrachtung auch noch auf: das strichförmige Muster im Hintergrund bei starkem Hineinzoomen (dazu das Original herunterladen). Hier hilft das "Drizzeln" ungemein. Das Bild wird von Aufnahme zu Aufnahme statistisch um ein paar Pixel verschoben. Dann kann kein Strichmuster entstehen. Aber das sind Hinweise, die unser heutiges AdW nicht schmälern sollen. Ein interessantes und selten gezeigtes Motiv, für das wir herzlich danken! Gratulation zum AdW.

Peter Riepe

Bildautor: Lutz Friedrich

RA = 20 h 15 min 28,3 s
Dec = +47° 42´ 51´´

 

Sie haben Fragen? Kontakt zum AdW-Team: fg-astrofotografie@vds-astro.de. Kontakt zum Bildautor: Dazu klicken Sie einfach auf den Namen. Sie können auch den Namen des Autors anklicken (rechte Maustaste) und dann die Mailadresse kopieren.

 

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