40. Woche - Im Skorpion – farbige Nebel in Hülle und Fülle

 -  Astrofoto der Woche

Das heutige AdW zeigt den nördlichen Bereich des Skorpions mit vielen beeindruckenden Nebeln. So etwas ist hier in Mitteleuropa fotografisch nur schwer hinzubekommen. Daher darf es auch niemanden verwundern: Unser AdW entstand im südeuropäischen Kroatien und auf den westafrikanischen Kanaren als „Urlaubs-Ko-Produktion“ zweier Mitglieder der FG Astrofotografie. Dabei sind die Bilder schon etwas älteren Datums, wurden jedoch als Dreifachmosaik kürzlich völlig neu bearbeitet und deshalb hier vorgestellt. Norden liegt oben, Osten links, das Bildfeld beträgt 11,8° x 9,4°.

Stefan Binnewies wählte die Mittelmeerinsel Lastovo als Aufnahmeort. Sie ist eine der südlichsten und mit nur knapp 1000 Bewohnern auch eine der dunkelsten Inseln der kroatischen Küste. Per Fähre kann man sie ab Split auch mit dem eigenen Wagen erreichen. So wurde zwischen dem 12. und 20. Juli 2015 die CCD-Kamera SBIG STL-11000M mehrfach auf den Skorpion gerichtet. Objektiv war ein Canon-Tele mit 200 mm Brennweite und Anfangsblende 2,8. Zur Verbesserung der Abbildungsqualität wurde sie auf die Aufnahmeblende 3,5 abgeblendet. Dabei entstand das linke obere Bilddrittel als LRGB-Bild im Querformat, belichtet wurde jeweils 6 x 600 s pro Farbkanal.

Ein Jahr später nahmen Stefan Binnewies und Rainer Sparenberg gemeinsam zwischen dem 3. und 6. Juli in zwei Teilen das restliche Bildfeld auf. Dabei kam eine DSLR Canon EOS 6D mit demselben 200-mm-Objektiv wie oben zum Einsatz. Erstes Ziel war die Gegend um Antares mit den nördlich und westlich gelegenen Nebeln im Querformat. Dann folgten im Hochformat die Scherensterne und ihre Nebel. Belichtet wurde wieder bei der Aufnahmeblende 3,5 jeweils 60 s bzw. 120 s lang bei ISO 6400 bzw. ISO 3200, jedes Feld mit 120 min Gesamtbelichtungszeit. Kommentar von Stefan Binnewies: „Die atmosphärischen Bedingungen waren an beiden Orten sehr gut, die Bildbearbeitung trotzdem ausgesprochen mühsam. Erst im dritten Anlauf gelang dieses Bildergebnis. Nie haben allerdings die DSLR-Bilder an die Tiefe der CCD‐Aufnahme herangereicht, das Mosaik hat mich nie so ganz zufriedengestellt. Darum noch einmal der Griff ins Archiv: Bei den Canon-Bildern habe ich die Sterne weitgehend entfernt und dann die Nebel noch einmal gezogen, dann hat es gepasst. Das Ergebnis ist, wie ich finde, eine wirklich ungewöhnliche Mischung aus CCD- und DSLR‐Bildern aus Kroatien und von den Kanaren.“

Das Zusatzbild (hier klicken) zeigt zur Orientierung das Bildfeld in verkleinerten Form mit allen Nebelbezeichnungen und den im Text bezeichneten Sternen. Im Zentralteil des Skorpions (links unten) dominiert der orangefarbene und gefaserte Reflexionsnebel IC 4606. Er wird oft „Antares-Nebel“ genannt, was jedoch - wie das AdW nahelegt - relativiert werden muss: Antares erleuchtet auch die weiter entfernten nach Nordosten und Nordwesten reichenden Gebiete, sogar bis weit über die chaotisch strukturierte Dunkelwolken LDN 1681 und LDN 1709B hinaus (LDN = Lynd´s Dark Nebulae). Insofern muss der kleine blaue, schalenförmige Reflexionsnebel IC 4605 um den sehr blauen B3-Stern 22 Scorpii eindeutig als helle Einbettung im Antares-Nebel betrachtet werden. Weiter nach rechts im Bild ist der bläuliche 2,9 mag helle B1-Riese σ Scorpii zu sehen. Er regt die neben ihm stehende HII-Region Sh2-9 zur Emission an. Und jetzt ein Knaller: Der Kugelsternhaufen Messier 4, unterhalb von Sh2-9 gelegen, ist bereits mit dieser kurzbrennweitigen Tele-Optik gut in Einzelsterne aufgelöst! Nördlich der Verbindungslinie von IC 4605 und Sh2-9 erkennen wir einen weiteren Reflexionsnebelkomplex. Der ausgedehnteste Teil IC 4604 umgibt den 4,6 mag hellen blauen B1-Stern ρ Ophiuchi, direkt an ihm zwei Begleitsterne. Etwas darunter ist der Reflexionsnebel GN 16.22.4 zu sehen. Er wird durch den 8 mag hellen Stern HD 147889 erleuchtet und ist von strähnigen Dunkelwolken umgeben.

Jetzt zu den Skorpionscheren. Oben im Bild - von der Mitte ausgehend nach Osten - ist eine ausgedehnte Partie von Reflexionsnebeln verschiedener Farben gelegen. Oft wird in weniger tief belichteten Aufnahmen (und wenn man das Bild auf den Kopf stellt) vom „Blauen Pferdekopf“ geredet. Das jedoch ist nur die halbe Wahrheit, denn blau leuchtet nur die Südwestpartie, darin auch IC 4592 mit dem B2-Doppelstern 14 Scorpii. Die gesamte Südwestgrenze weist eine relativ scharf begrenzte Kante auf - ein Zeichen dafür, dass von Westen und Südwesten her eine Stoßfront aufgebaut wurde. Die überwiegenden Bereiche des „Blauen Pferdekopfes“ sind klar bräunlich, wie man es von den schwachen Nebeln her kennt, die vom Bulge der Milchstraße angeleuchtet werden. Der „Pferdehals“ scheint durch den Stern ψ Ophiuchi (4,5 mag, K0) erhellt zu werden. Im Knickpunkt von Kopf und Hals des Pferdes zeigt sich eine Nebelaufhellung namens IC 4601 um drei Sterne der 8. Größenklasse. Westlich des Pferdekopfes liegen die blauen Sterne β Scorpii mit 2,5 mag und ω1 Scorpii mit 4,0 mag. Beide sind mit ihren Sternwinden sicherlich Mitverursacher der Stoßfront von IC 4592, ebenso wie der folgende Stern.

In der Bildmitte rechts strahlt δ Scorpii. Der 2,3 mag helle B0-Stern ist in der Lage, die ausgedehnte HII-Region Sh2-7 (LBN 1099) zur Emission anzuregen. Auch der 2,9 mag helle B1-Stern π Scorpii steckt in einer kleinen, allerdings schon schwächeren HII-Region mit der Katalogbezeichnung Sh2-1 (LBN 1093). Eingerahmt wird sie von einem Geflecht aus blauen Reflexionsnebeln um DG 129 aus dem Katalog von Dorschner & Gürtler (1963). Für diesen Nebel wird eine Ausdehnung von 90' x 20' angegeben. Drei Jahre später erschien Sidney van den Berghs Katalog. Auch hier tauchen diese Nebel als VdB 99 auf. Die Nebelkoordinaten sind allerdings identisch mit denen von π Scorpii. Van den Bergh gibt für den blauen Nebelanteil eine Ausdehnung von 100' an, d.h. damit ist der rundliche Nebelteil gemeint, der π Scorpii umfasst. Der Durchmesser für den roten Bereich ist mit 43' kleiner.

Anmerkung zum Bild: Eine dermaßen gute Wiedergabe gerade der lichtschwachen blauen Nebel kann nur bei bester Transparenz und dunklem Himmel gelingen. Das ist nicht zuletzt der Grund dafür, dass ambitionierte Astrofotografen ihre Ergebnisse an entfernten, geeigneten Plätzen aufsuchen. Ein weiterer kurzer Kommentar: Es wird einige Leser geben, denen die Farbsättigung recht hoch erscheint, so dass man das Bild als „sehr bunt“ ansieht. Das aber mag jeder für sich entscheiden. Das AdW-Team jedenfalls findet: Ein technisch anspruchsvolles und sehr gut umgesetztes Bild mit selten gezeigten Nebeln in dieser Brillianz. Wir danken herzlich und gratulieren zum Astrofoto der Woche.

Peter Riepe

Bildmitte: RA = 16 h 14 min 03 s, Dec = -22° 35´ 58´´

Bildautoren: Dr. Stefan Binnewies und Rainer Sparenberg

 

Sie haben Fragen? Kontakt zum AdW-Team: fg-astrofotografie@vds-astro.de. Kontakt zum Bildautor: Dazu klicken Sie einfach auf den Namen. Sie können auch den Namen des Autors anklicken (rechte Maustaste) und dann die Mailadresse kopieren.

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