47. Woche - [GS55] 253, eine wenig bekannte HII-Region

 -  Astrofoto der Woche

Das heutige Astrofoto der Woche spielt wieder im Cepheus. Heute geht es um die HII-Region namens [GS55] 253, die den meisten Leuten aber wohl als Sharpless 135 bekannt sein dürfte (Sh2-135). Bildautor ist Gabriel Siegl aus dem österreichischen Markt Piesting. Er reicht heute sein erstes AdW ein, daher begrüßen wir ihn hier ganz herzlich in unserer Runde. Am 31.08.2019 wurde die Aufnahmeserie gestartet, Aufnahmeort war Kapellen. Beim Teleskop handelt es sich um ein Takahashi Epsilon 130D (130 mm/430 mm), also ein Instrument mit kurzer Brennweite. Als Kamera wurde eine Canon 6D (mod.) verwendet. Belichtet wurde 73 x 5 min in RGB. Drei Wochen später – am 21.09.2019 – wurde die Luminanz nachgeholt, 25 x 10 min mit einem L-eNhance Nebelfilter (der schreibt sich tatsächlich genau so). Auf diese Weise kam eine Gesamtbelichtungszeit von 10,25 Stunden zusammen, bei ISO 800. Das ist recht viel für die Blende 3,3 (wird immer wieder verwechselt mit dem Öffnungsverhältnis 1:3,3 oder der Apertur f/3,3). Das Bildfeld beträgt 280' x 187', Norden liegt oben, Osten links.

Jetzt einige nützliche Informationen zum Objekt. Die Bezeichnungen LBN 492 und KR 47 sind in der Astronomie ebenfalls geläufig, jedoch wurde die HII-Region erstmals von den russischen Astronomen Gaze und Shajn am Krim-Observatorium fotografisch aufgespürt und als Objekt Nr. 253 in ihrer Liste eingetragen. Die Publikation folgte 1955: Gaze V.F., Shajn G.A., Catalogue of emission nebulae; Izv. Krym. Astrofiz. Obs. 15, 11-30. Daher verwende ich vorzugsweise den Katalognamen [GS55] 253, denn schließlich sollte man die russischen Entdecker nicht vergessen, die amerikanischen und deutschen Kataloge kamen teilweise sehr viel später (Lynds 1965, Sharpless 1969, Kallas & Reich 1980).

Die HII-Region liegt in der Bildmitte, als Durchmesser ergibt sich ein Wert von ~30'. Die in Simbad genannte Objektposition ist mit dem Erscheinungsbild des Nebels ziemlich unverträglich, daher geben wir am AdW-Ende unseren aus dem AdW abgeleiteten Wert an, der mit dem optischen Nebelzentrum sehr gut vereinbar ist. Im Nordwestbereich befindet sich ein hell in Hα leuchtender Rand (bright rim), wo die HII-Region direkt an eine Molekülwolke stößt. Anregender Stern ist BD+57°2513. Den heißen, massereichen Stern mit dem Spektraltyp O9,5V findet man im Bild bei den Pixelkoordinaten (2172/1673). Dazu das Bild aber bitte erst im Original herunterladen. Ein solcher typischer O-Stern sollte eigentlich leuchtend blau sein, bei einem Farbindex von B-V wären das geschätzte -0,2 mag bis +0,1 mag. Das ist aber bei BD+57°2513 überhaupt nicht der Fall. Der Stern ist mit B-V = +0,57 mag fast weiß, im AdW kommt er mit einem leicht bläulichen Ton heraus. Seine real von Blau nach Weiß verschobene Farbe ergibt sich aus der Rötung durch recht stark absorbierendes interstellares Material. Zum direkten Farbvergleich: Etwas weiter südöstlich befindet sich bei (1947/1851) der merklich blauere 7-mag-Stern BD+57°2520 mit einem Farbindex B-V = +0,3 mag.

Die zwei hellsten Sterne im Bild überhaupt sind:

a) Delta Cephei bei (1274/1960), bekannt als klassischer Cepheid mit B-V = 0,6 mag, d.h. eigentlich weiß, hier im Bild aber eher hellblau.

b) der leuchtend gelbe Zeta Cephei bei (3595/2132). Er sollte bei B-V = 1,55 mag eigentlich orange leuchten, ist also ein wenig zu gelb.

Jetzt zurück zu BD+57°2513, dem unscheinbareren Zentralstern von [GS55] 253. Er ist der hellste Stern des ihn umgebenden kleinen offenen Sternhaufens Juchert 21. Dieser Sternhaufen wurde von dem Amateur Mathias Juchert entdeckt, und zwar im Rahmen seiner Untersuchungen im Team der bekannten „Deep Sky Hunters“. Diese Gruppe mit Sitz in Österreich nutzte für ihre Untersuchungen den Deep Sky Survey (DSS). Heutzutage ist hinsichtlich der Bildqualität das PanSTARRS-Bildarchiv viel geeigneter. Ich lege ein Doppelbild bei (hier klicken), welches im linken Teil die g-Filterung (grün plus blau) des Gebiets um BD+57°2513 zeigt, im rechten Teil die i-Filterung aus dem nahen Infrarot (NIR). Wegen der starken Extinktion im kurzwelligen Licht ist der Sternhaufen im NIR viel besser in seiner Ausdehnung wahrzunehmen. Schließlich haben IR-Wellenlängen ein besseres Durchkommen durch Staub – je langwelliger, desto besser.

Zahlreiche weitere rot leuchtende Nebelgebiete liegen im Bildfeld. Hier verläuft im Grunde eine durchgehend ionisierte Zone, in der die helleren HII-Regionen lediglich die Intensitätsspitzen darstellen. Da ist zunächst im oberen Bildteil links der Mitte die ausgedehnte, lichtschwache HII-Region [C51] 91 (= LBN 486 ) bei (1770/650). Die Katalogbezeichnung [C51] 91 besagt, dass es sich um das Objekt Nr. 91 aus dem Katalog von G. Courtès (1951) handelt. Bei (2715/1200) erkennt man eine HII-Region, die an den Propellernebel im Schwan erinnert. Es ist [GS55] 249 bzw. LBN 489/491. Etwas südwestlich davon ist bei (2880/1570) die HII-Region LBN 490 zu sehen, und weiter westlich bei (3290/1385) die HII-Region [C51] 93. Ob der rot leuchtende Hα-Bogen südlich um Zeta Cephei katalogmäßig erfasst ist, war für mich nicht zu klären. Ganz im Osten jenseits von Delta Cepei liegt dann bei (530/2140) die HII-Region Sh2-139 = LBN 502.

Genau in der gegenüber liegenden Ecke bemerkt man bei (4323/476) eine kleine, sehr lockere Gruppe blauer Sterne um den 7 mag hellen Veränderlichen V442 Cep mit dem Spektraltyp A0, Dies ist der offene Sternhaufen [KPS2012] MWSC 3583 aus der Arbeit von Kharchenko N.V., Piskunov A.E., Schilbach E. et al. (2012): Global survey of star clusters in the Milky Way, I. Er wird in Simbad auch als Dolidze 56 geführt. Der Katalog von Herrn Dolidze aus dem Jahre 1966 umfasst nach meinem Kenntnisstand 57 offene Haufen.

Was unbedingt noch genannt sein muss: den kleinen runden und hell rot leuchtenden PN bei (2954/2856). Der gut 80'' messende M 2-51 (1946 von Minkowski entdeckt) mit seinem Zentralstern ist schön zu sehen. Allerdings sollte man schon das Original herunterladen und ins Bild hineingehen. Auffallend – aber genau andersherum wegen ihrer pechschwarzen Dunkelheit – ist auch die Dunkelwolke Dobashi 3258/3260 bei (4035/1215).

Anmerkungen: Das heutige AdW vermittelt einen guten und ziemlich natürlichen Eindruck dieses Himmelsabschnittes im Cepheus. Bei der kleinen Aufnahmebrennweite kann im Bildzentrum eine Auflösung von rund 10 Bogensekunden gemessen werden. Zu den Farben ist Folgendes zu sagen: Die Wiedergabe ist gefällig und auf den ersten Blick fürs Auge mit dem Anblick ähnlicher Nebellandschaften in Cepheus und Cygnus vereinbar. Aber was die Sterne betrifft, so hat sich offensichtlich ein leichter Blauüberschuss ergeben. So werden Sterne, die eigentlich recht kühl sind für die Ionisation von Wasserstoff, doch verwechselbar mit mutmaßlich heißen, blauen Sternen. Die Belichtungszeit ist hervorragend gewählt und entpuppt zahlreiche großflächige Strukturen, die in herkömmlichen Bildern nicht oder kaum in ihrem Zusammenhang erkennbar sind. Der Bildautor hat sein Ergebnis sehr moderat entrauscht, also kein Glattbügeln „auf Teufel komm raus“. Wir danken für dieses schöne Bild und gratulieren zum AdW.

Peter Riepe
Bildautor: Gabriel Siegl

Objektkoordinaten (Epoche J2000.0):
RA = 22 h 21 min 51 s, DEK = +58° 40' 52''

 

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