5. Woche - NGC 7822 und Sh2-171, zwei Namen - ein Objekt

 -  Astrofoto der Woche

Bruno Mattern, Hamburger Mitglied der Fachgruppe Astrofotografie, schickte uns ein Bild der HII-Region NGC 7822. Sie liegt im dichten Bereich der Milchstraße im Sternbild Cepheus in der Assoziation Cepheus OB4 nur knapp über dem galaktischen Äquator. Die Aufnahmen zu diesem AdW entstanden in drei verschiedenen Zeiträumen: 16.-23.9.2020, 21. und 22.10.2020 sowie 07. und 08.11.2020. Aufnahmeort war die Lüneburger Heide, etwa 50 km südlich der Hansestadt Hamburg. Der Nachthimmel ist dort schon recht dunkel, im Herbst war er dann auch noch besonders transparent. SQML-Werte bis zu 21,7 mag pro Quadratbogensekunde wurden gemessen. Die Kamera war eine modifizierte Canon EOS 250 Da mit einem 135-mm-Objektiv von Samyang, abgeblendet auf Blende 4. Belichtet wurde bei ISO 800 und 1600 insgesamt 16 h 50 min mit Einzelzeiten zwischen 180 und 360 s. Das Bildfeld beträgt 9,5° x 6,2°, Norden ist oben, Osten links. Zur Bildbearbeitung folgen weiter unten in den Anmerkungen noch einige nützliche Hinweise.

NGC 7822 ist nur der hellste, innere Teil der HII-Region. Außen herum erstreckt sich schalenförmig ein Nebelbogen, der nach Osten hin offen ist. Der gesamte HII-Komplex wird von zahlreichen Dunkelwolken durchzogen. Jetzt bitte nicht das kleine Bild anschauen, sondern das Original herunterladen! Dort entdeckt man im rot leuchtenden Gebiet zwei blaue Sterne, einmal bei den Pixelkoordinaten (3833/1309), dann auch bei (3978/1921). Können das die Sterne sein, die den Nebel zur Emission anregen? Der erste ist der A1-Stern HD 223274, der zweite der B2-Stern HD 223128. Beide sind zu kühl für die Anregung. Die Verursacher der benötigten starken UV-Strahlung stecken in dem unscheinbaren offenen Sternhaufen Berkeley 59 (3025/1607). In ihm wurden drei junge O-Sterne gefunden, sie liefern die ionisierende Energie, durch die Sh2-171 zum Leuchten angeregt wird. Das Zusatzbild aus dem Himmelsatlas Aladin wurde in Helligkeit und Kontrast noch ein wenig verstärkt. Darin wird deutlich, dass im Umfeld von Berkeley 59 mehrere Gebilde existieren (gelbe Kringel), die auf Berkeley 59 gerichtet sind und stromlinienförmig den bekannten "pilars of creation" in M 16 ähneln. Hier zeigt sich die Wirkung des Sternwindes, der von Berkeley 59 ausgeht. Die Entfernung des Haufens und damit auch die von Sh2-171 beträgt etwa 3200 Lj bei einem Alter von ~1,5 Mio. Jahren (Pandey et al. 2008). Das ist sehr jung! Der scheinbare Durchmesser von NGC 7822 mit Sh2-171 beträgt etwa 3°, was den wahren Nebeldurchmesser bei der genannten Entfernung auf fast 170 Lichtjahre bringt.

Rund 2,5° südlich von NGC 7822 liegt die ebenfalls rot leuchtende, aber wesentlich kleinere HII-Region Sh2-170. Dieser kreisrunde Nebel misst hier im AdW nur 18'. Lange Jahre vor Steward Sharpless waren es die Russen Hase und Shajn, nach denen der Nebel auch als [GS55] 284 katalogisiert ist und im Radiokatalog als Simeis 105 geführt wird. Im Zentrum befindet sich der offene Sternhaufen Stock 18, der nur einen einzigen ionisierenden O-Stern namens LS I +64 11 besitzt, Typ O9.5V mit V = 10,15 mag, Sh2-170 ist mit ca. 7200 Lj viel weiter entfernt als Sh2-171 (Roger et al., 2004). Seine wahre Ausdehnung kommt damit lediglich auf 37 Lj – etwa so groß wie der Orionnebel M 42.

Weitere Sternhaufen im Bild: a) NGC 7762 bei den Pixelkoordinaten (3700/1190). Er ist ca. 4900 Lj entfernt und hat ein Alter um die 1,5 Milliarden Jahre. b) King 11 = [FSR2007] 0467 ist bei (3792/800) zu finden. Seine Entfernung liegt bei 8100 Lj, das Alter ist mit rund 4 Milliarden Jahren sehr hoch. King 11 wurde 1949 zusammen mit einigen weiteren Haufen von Ivan King entdeckt. Die Bezeichnung [FSR2007] 0467 geht auf Froebrich, Scholz und Raftery zurück, die 2007 über ihre im Infrarotbereich entdeckten Sternhaufen berichteten.

Anmerkung zur Bildbearbeitung: Bei den älteren Canon-Kameras werden die RAW-Dateien, die mit dem DeepSkyStacker (DSS) gestackt werden, als "CR2" bezeichnet. Die neueren Kameras von Canon haben die Bezeichnung "CR3". Diese waren mit den älteren Versionen des DSS nicht zu stacken. Die neue Version des DSS kann nun die CR3-Dateien lesen, aber die Dynamik bleibt beim Stacken auf der Strecke. Bruno Mattern hat herausgefunden, dass mit der neuen, umfangreichen Bildbearbeitungssoftware Photo Professional 4, die mit den Canon-Kameras zum Download angeboten wird, die Umwandlung der CR3-Dateien ins vorteilhafte 16bit-TIFF-Format möglich ist. Der Tiefengewinn ist beeindruckend. Erst danach wurden die TIFF-Dateien mit dem DSS gestackt, als FITS gespeichert und als Tiff mit PS-CS6 fertig bearbeitet.

Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses informative und gelungene Motiv. Weiterhin gratuliert das AdW-Team zum Astrofoto der Woche!

Peter Riepe
Bildautor: Bruno Mattern

Koordinaten von NGC 7822 (J2000.0):
RA = 00 h 01 min 09 s, DE = +67° 25' 17''

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