51. Woche - Interstellare Materie im Schwan

 -  Astrofoto der Woche

Im heutigen AdW wird ein Gebiet vorgestellt, das nicht unbedingt zu den bekannten Motiven zählt. Das Bildfeld – eine Zone voll von unterschiedlicher interstellarer Materie – befindet sich im Cygnus, und zwar zwischen dem bekannten Emissionsnebel Sh2-101 und dem Stern P Cygni. Norden liegt oben, Osten links, wie in astronomischen Darstellungen üblich. Die Bildgröße beträgt 34,6' x 25,9' bei einem Bildmaßstab von 0,611 arcsec/px. Bildautor ist Daniel Huber. Er ist neu in unserer Runde der AdW-Autoren, daher begrüßen wir ihn ganz herzlich!

Aufnahmedatum war der 28. bis 30.08.2019, ferner noch der 12.9.2019. Der Aufnahmeort Perg liegt in Oberösterreich. Als Teleskop kam ein Selbstbau-Newton zum Einsatz, Öffnung 250 mm und Brennweite 1000 mm, also ein Öffnungsverhältnis von 1:4 und damit recht lichtstark. Der Tubus ist aus Kohlefaser, darin sitzt der Quarz-Hauptspiegel von GSO. Als Kamera verwendet Daniel Huber eine QHY163m. Belichtet wurde wie folgt: 95 x 120 s für die Luminanz, 35 x 120 s für R, 39 x 120 s für G und 42 x 120 s für B. Zusätzlich wurde noch Hα mit 14 x 240 s belichtet.

Und jetzt zu den Objekten im Bild. Hilfsmittel ist die astronomische Datenbank Simbad. Die große Dunkelwolke etwas links oberhalb der Bildmitte bei den Pixelkoordinaten (1430/1010) ist TGU H445 aus dem Tokyo Gakugei University Catalog. Etwas nördlich davon wird der Dunkelbereich um (1405/892) als Dobashi 2252 bezeichnet. Am Südrand bei (940/1440) finden wir Dobashi 2250. Oft zu lesen ist, dass sich in diesem Gebiet LDN 852 befindet. Aus Simbad übertragen wäre das aber bei (1670/1330). Das ist aber keine dunkle Zone, sondern der Nordrand einer rot leuchtenden HII-Region. Ist Simbad fehlerhaft? Nein, keinesfalls. Simbad hat die von der Autorin Beverly T. Lynds angegebene Position geradewegs übernommen und in die 2000-er Koordinaten transformiert, ohne die "Bildrealität" zu prüfen. Der Fehler liegt nach meinem Empfinden darin, dass die alten fotografischen Platten aus den 1950-er Jahren für Frau Lynds keine größere Genauigkeit der Positionsangabe lichtschwacher Objekte zuließen. Die Angaben für die "modernen" Dunkelwolken TGU und Dobashi passen recht gut zu den realen Formen und Helligkeiten im AdW. Frau Lynds hatte leider noch keine CCD-Technik zur Verfügung ...

Entsprechend fehlerhaft ist die Position von LDN 853 bei (880/1160). Das wäre 2,8' nördlich von Dobashi 2250 – einfach unpassend. LDN 856 bei (60/1290) wiederum passt! Auch LDN 849 bei (2570/1420) passt leidlich, wenngleich Dobashi 2243 bei (2420/1370) viel besser auf Form und Lage der Dunkelwolke zugeschnitten ist. Ähnliches gilt für LDN 848 bei (2080/2280), die bei (2070/2230) mit Dobashi 2234 viel treffender harmoniert.

Auch mit der Positionsangabe für die HII-Regionen kann ich mich nicht anfreunden. So wird die markanteste HII-Region in der Mitte des rechten Bilddrittels sicherlich LBN 177 sein. Ihre Position wird aus Simbad übertragen aber leider auf (2300/1480) gelegt, also an den Südostrand von Dobashi 2243.

Wie kommt überhaupt diese vielfältige Struktur der unterschiedlichen Hα-Nebel zustande? Es gibt hier keinen singulären, heißen massiven O-Stern, dafür aber eine Reihe vertreuter später O- und B-Sterne. Sicherlich dürfte der Veränderliche V448 Cyg eine wesentliche Rolle für die Emission der roten Nebel spielen. Der Stern bei (1450/525) hat den Spektraltyp O9,5V und ist 8,2 mag hell. Seine Farbe passt zum Farbindex B-V = 0,29 mag. Und wenn wir schon bei den Sternfarben sind: Auch die späten Spektraltypen sind farbrichtig. So passt für den K0-Riesen HD 227472 bei (2648/1839) der Farbindex B-V = 1,61 mag ausgezeichnet zu seiner Orangefärbung.

Ein Objekt hat mich richtig fasziniert: der unscheinbare Stern bei den Pixelkoordinaten (1399/859). Ein dermaßen orange leuchtender Stern zwingt zur Recherche. Es handelt sich um den IR-Stern IRAS 20043+3508, auch als V2007 Cygni bekannt. Hier liegt einer der seltenen Kohlenstoffsterne vor. Er sitzt entweder direkt in der Dunkelwwolke Dobashi 2252 oder direkt hinter ihr. Auf alle Fälle wird das Sternenlicht beim Durchgang durch Dobashi 2252 sehr stark geschwächt. Vergleicht man im Zusatzbild (hier klicken) das normale Aladin-Bild mit dem infraroten 2MASS-Bild, so fällt der starke Lichtabfall durch die Extinktion innerhalb der Wolke drastisch auf. Der Stern hat eine Parallaxe von 0,468 Millibogensekunden, und daraus lässt sich sofort eine Entfernung von rund 7000 Lj berechnen.

Technische Anmerkung: Der Autor schreibt: "Der Newton sitzt auf einer EQ8-Montierung, die auf einer Knicksäule in meiner Dachsternwarte fix aufgebaut steht. Das Guiding wurde mit einer QHY5l-ii-m und PHD2 gemacht. Als Aufnahmesoftware diente APT. Die Datenreduktion (Lights, Flats, Bias & Dark) wurde so wie die gesamte Bildverarbeitung in PixInsight 1.8.6 durchgeführt. Der grobe Ablauf nach dem Stacken war: ChannelCombination für RGB DBE an Luminanz, RGB und Hα-Fotometric ColorCal. mit B-V." Zudem hat er für die Verbesserung der Hα-Aufnahme eine Kontinuumsubtraktion Hα-xR durchgeführt, LRGB- und Hα-Daten wurden nach meinem Empfinden gut vereint!

Unsere Gratulation an Daniel Huber - zum Bild einerseits, zum AdW andererseits!

Peter Riepe
Bildautor: Daniel Huber

Objektkoordinaten (J2000) von TGU H445:
RA = 20 h 06 min 12 s, DE = +35° 15' 00''

 

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