Sternbild Fuhrmann - lat. Auriga, Aurigae (Gen.), Kurzbezeichnung Aur.

Lage, Größe und Sichtbarkeit

Schaut man an einem klaren Märzabend nach Sonnenuntergang Richtung Zenit, kann man über sich ein unregelmäßiges Fünfeck aus hellen Sternen erkennen. Direkt neben dem hellsten Stern dieses Fünfecks bilden drei etwas schwächere Sterne ein markantes spitzwinkliges Dreieck. Diese acht Sterne zeigen die Lage des Sternbilds Fuhrmann an.
Das Sternbild Fuhrmann ist von fünf Sternbildern umgeben. Im Westen liegt das Sternbild Perseus, im Norden das Sternbild Giraffe, im Nordosten das Sternbild Luchs, im Südosten liegt das Sternbild Zwillinge und im Süden erstreckt sich das Sternbild Stier. Das Sternbild Fuhrmann hat eine Fläche von 657 Quadratgrad, damit liegt das Sternbildin der Liste  der 88 Sternbilder an der 21. Position. Da das Band der Milchstraße sich breit durch das Sternbild Fuhrmann zieht, gibt es in diesem Sternbild viele helle Sterne und mehrere Offene Sternhaufen.
In der Antike existierten die Sternbilder Luchs und Giraffe noch nicht. Damals gehörten die Sterne dieser modernen Sternbilder überwiegend zum Sternbild Fuhrmann. Das Sternbild Fuhrmann war damals größer als heute.

 

Geschichte und Mythologie

Das Sternbild Fuhrmann ist eines der 48 Sternbilder der klassischen Antike. Es ist jedoch keine Erfindung der Römer oder der Griechen des klassischen Altertums, denn war schon zu ihrer Zeit antik. Die griechischen Astronomen übernahmen es um 700 v. Chr. aus Babylonien, wo es den Namen „Rukubi“ trug („der Wagen“). Das Sternbild Rukubi stellte einen Wagen dar, dessen Wagenlenker eine kleine Ziege auf seiner linken Schulter trägt. Die Wurzeln dieses Sternbilds reichen jedoch noch bis 2000 v. Chr zurück, in das Reich von Akkad.
Der deutsche Name „Fuhrmann“ ist für das Sternbild eigentlich irreführend. „Fuhrmann“ war und ist die Berufsbezeichnung für einen Lastenkutscher mit Pferdefuhrwerk, er stammt aus der Zeit, als es noch keine motorisierten Lastwagen gab. Der lateinische Name des Sternbilds Fuhrmann ist „Auriga“. Der Auriga ist jedoch kein Lastenkutscher, sondern der Wagenlenker eines antiken Rennwagens, einer Quadriga. Somit stellt das Sternbild mit dem gemütlichen Namen „Fuhrmann“ eigentlich einen Rennfahrer dar. In Johann Bode´s Himmelsatlas „Uranographia“ aus dem Jahr 1782 erscheint das Sternbild Fuhrmann (Auriga) als ein Mann in dynamischer Pose, der eine Ziege auf der linken Schulter trägt. In seiner rechten Hand hält er ein zerrissenes Zaumzeug und eine vierschwänzige Peitsche. Von Pferden und von einem Wagen ist in dieser Darstellung nichts zu sehen.
In der Mythologie des klassischen Altertums gibt es mehrere Erzählungen zu dem Sternbild. Die Römer sahen in ihm ein Abbild des Erichthonios, dem Sohn des Gottes Vulkan. Erichthonios war seit seiner  Geburt an beiden Beinen gelähmt. Die Göttin Minerva zog den kleinen Erichthonios groß und machte ihn mit Pferden vertraut. Anschließend zeigte sie ihm, wie er als Gelähmter einen mit vier Pferden bespannten Rennwagen steuern musste, um damit zügig vom Fleck zu kommen. Erichthonios erwies sich bald als ein genialer Wagenlenker, und so wurde er berühmt und schließlich als Sternbild an den Himmel versetzt.
In Griechenland kursierte es eine andere Geschichte zu dem Sternbild. Hier sah man in ihm ein Abbild des Myrtilos, dem Wagenlenker und Chefmechaniker des Renngespanns des Königs Oinomaos. Der König hatte eine schöne Tochter namens Hippodameia, und viele Königssöhne aus den umliegenden Reichen warben bei ihm um ihre Hand. Oinomaos mochte seine Tochter aber nicht hergeben, und so bestimmte er, dass jeder Freier sich im Beisein von Hippodameia ein Wagenrennen mit ihm liefern musste. Der Freier bekam dabei einen Vorsprung zugebilligt, musste Hippodameia jedoch auf seinem Wagen mitnehmen. Der König raste dann mit seinem eigenen Gespann hinterher. Falls er den Freier einholte, tötete er ihn vor den Augen seiner Tochter, schlug ihm den Kopf ab und nagelte ihn an die Tore seines Palastes. Da Oinomaos das schnellste Gespann in ganz Griechenland hatte, bleichten am Palasttor schließlich die Schädel von zwölf Königssöhnen in der Morgensonne, und es dämmerte der hübschen Hippodameia, dass es um ihre Heiratschancen sehr schlecht bestellt war.
Doch dann kam der schöne Pelops, er warb um Hippodameias Hand, und als sie ihn sah, schmolz sie dahin und beschloss, dass der ihr Gatte werden müsse. Um zu gewährleisten, das Pelops das Rennen um Leben und Tod mit ihrem Vater sicher gewinnen würde, wandte sie sich an den Myrtilos, von dem sie wusste, dass er in sie verliebt war. Myrtilos versprach ihr, den Wagen des Königs zu sabotieren. Als Gegenleistung bot Pelops dem Myrtilos eine heiße Liebesnacht mit Hippodameia an, die in der Hochzeitsnacht von Hippodameia und Pelops stattfinden werde. Myrtilos ging gerne auf diesen Handel ein.
Am Tag des Rennens lockerte er heimlich die Sicherungsstifte der Räder am Gespann des Königs. Bei der anschließenden wilden Hetzjagd des Oinomaos auf den Pelops sprang ein Rad vom Wagen des Königs an, der Wagen überschlug sich und Oinomaos verunglückte tödlich. Doch kaum war der König aus dem Weg geräumt und der Hochzeitstermin festgelegt, lockte Pelops den Myrtilos auf einen hohen Felsen an der Südküste der Insel Euböa und schubste ihn hinab ins Meer. Im Ertrinken verfluchte Myrtilos den Pelops, Hippodameia sowie deren zukünftige Nachkommen.

 

Markante Sterne

Der hellste Stern im Sternbild Fuhrmann heißt Capella. Er ist der sechsthellste Fixstern am Nachthimmel. Der Name „Capella“ ist die lateinische Bezeichnung für eine kleine Ziege.  Im klassischen Griechenland hieß der Stern „Amalthea“, wie jene Ziege, die den kleinen Zeus am Berg Ida auf Kreta mit ihrer Milch säugte. In den ältesten arabischen Astronomiebüchern heißt der Stern „Al Rakib“ (der Fahrer). Erst in späteren arabischen Texten wird Capella als „Al Anz“ (Ziege) bezeichnet. Capella (Alpha Aurigae) ist ein 0m heller Stern der Spektralklasse G5, er ist 42 Lichtjahre entfernt. Capella ist ein bekannter Doppelstern, die beiden Partner sind helle Riesensterne, die voneinander einen Abstand von 70 Millionen Kilometern haben und einander jeweils in 104 Tagen umkreisen. Da ihr gegenseitiger Winkelabstand nur 0,05 Bogensekunden beträgt, kann Capella in keinem Teleskop getrennt gesehen werden. Den Doppelsterncharakter kann man nur im Spektrum von Capella erkennen, daher ist Capella ein so genannter „spektroskopischer Doppelstern“.Die drei Sterne, die neben Capella ein spitzwinkliges Dreieck bilden, stellen ein Horn der Ziege dar, welches der kleine Zeus der Amalthea beim Spielen abbrach. Dieses Horn galt als ein Zauberhorn: was immer sich sein Besitzer wünschte, sollte in stetigem Strom daraus hervorkommen, man nannte es das Füllhorn der Fortuna, das Tischlein-Deck-Dich des Altertums. Die drei Sterne heißen heute Epsilon, Eta und Zeta Aurigae. Einer anderen Erklärung zufolge repräsentieren die drei Sterne die drei Zicklein der Amalthea, die hoffnungsvoll bei ihrer Mutter ausharren, während Amalthea mit ihrer Milch den Zeus füttert. Im englischsprachigen Raum nennt man diese drei Sterne daher „the kids“ (die Kinderchen).

 

Besondere Sterne (Doppelsterne, Veränderliche)

7,5° östlich von Capella steht der 2m helle Stern Beta Aurigae (Menkalinan), er ist ähnlich wie Capella ein spektroskopischer Doppelstern, seine Partnersterne stehen aber viel enger beieinander und umkreisen einander in vier Tagen. Da die beiden Partner von Menkalinan sich dabei gegenseitig regelmäßig verdecken, ändert sich die Helligkeit von Menkalinan alle vier Tage geringfügig.
Auf der Grenze zum Sternbild Stier liegt der 1,7m helle Stern Nath. Er wurde früher zum Sternbild Fuhrmann gerechnet und daher als „Gamma Aurigae“ bezeichnet. Da Nath heute zum Sternbild Stier gerechnet wird, trägt er nun den Namen „Beta Tauri“. Seitdem gibt es im Sternbild Fuhrmann keinen Stern „Gamma“ mehr.Ca. 7,6° südlich von Menkalinan liegt der 2,7m helle blauweiße Stern Theta Aurigae. Theta ist ein Doppelstern, sein 7,5m heller gelblicher Partner steht in 3,5 Bogensekunden Abstand. In Teleskopen ab vier Zoll Öffnung kann Theta bei hoher Vergrößerung getrennt gesehen werden.
Der 2,8m helle Stern Epsilon Aurigae befindet 3,5° südwestlich von Capella und bildet die Spitze des kleinen Sternendreiecks neben Capella. Epsilon ist ein Überriese der Leuchtkraftklasse Ia, 3000 Lichtjahre von uns entfernt. Epsilon ist zugleich ein bedeckungsveränderlicher Doppelstern, dessen beiden Partner einander einmal in 27 Jahren umkreisen. Dabei wird der Kleinere der beiden Partner vom Größeren für fast zwei Jahre teilweise verdeckt, wodurch die Helligkeit Epsilons von 2,9m auf 3,7m absinkt. Der kleinere Partner hat einen Durchmesser von 160 Millionen Kilometern, nur er sendet  in diesem Doppelstern Licht aus. Der größere Partner hat einen Durchmesser von mindestens drei Milliarden Kilometern. Er emittiert kein Licht, ist aber teilweise lichtdurchlässig. Es handelt sich um die die dichte Staubscheibe eines jungen Sterns, der durch diese Staubscheibe vollständig verhüllt wird. Die letzte Verfinsterungsperiode von Epsilon fand von 2009 – 2011 statt.
Ca. 10,6° südlich von Epsilon liegt der 2,7m helle Iota Aurigae. Zwischen Epsilon und Iota liegt der 3,8m helle Stern Zeta Aurigae. Zeta liegt 800 Lichtjahren entfernt und ist ein bedeckungsveränderlicher Stern: ein Roter Riese mit 300 Millionen Kilometern Durchmesser und ein blauer Hauptreihenstern von 6 Millionen Kilometern umkreisen einander einmal in 2,8 Jahren, wobei der Rote Riese seinen kleineren Partner 38 Tage lang jeweils vollständig verdeckt. Die Helligkeit von Zeta sinkt dabei geringfügig ab, zugleich scheint Zeta während der Bedeckung rötlicher.
Eta Aurigae ist ein 3,2m heller blauer Stern, dicht bei Zeta Aurigae. Da Eta gleichmäßig leuchtet, kann man ihn bei Beobachtungen von Epsilon und Zeta sehr gut als Vergleichsstern benutzen.
Zwischen Zeta und Iota liegt der 5m helle Doppelstern Omega Aurigae. Seine beiden 5m und 8m hellen Partnersterne stehen voneinander in einem Abstand von fünf Bogensekunden. Ein weiterer sehenswerter Doppelstern ist der 4m helle Stern Ny Aurigae. Ny Aurigae liegt nahe bei Theta, auf der Linie von Theta zu Capella.

 

Sehenswerte Deep-Sky-Objekte

Einer der schönsten Offenen Sternhaufen des winterlichen Sternhimmels ist M37, er liegt links von der Mitte einer gedachten Linie von Theta zu Nath. M37 enthält über 150 Sterne heller als 13m. Der Offene Sternhaufen M38 steht ihm in der Helligkeit nur wenig nach, er liegt auf der Mitte der Linie zwischen Theta und Iota Aurigae. Der Offene Sternhaufen M36 liegt ungefähr in der Mitte zwischen M37 und M38. Diese drei Sternhaufen sind jeweils über 4000 Lichtjahre von uns entfernt.
Außer diesen bekannten und häufig beobachteten Offenen Sternhaufen bietet der Fuhrmann weitere sehenswerte Deep-Sky-Objekte. Der kleine Offene Sternhaufen NGC 1907 liegt 0,5° südlich von M38. Der Offene Sternhaufen NGC 2281 ist der hellste Sternhaufen im Fuhrmann. Er liegt auf der Linie von Menkalinan (Beta Aurigae) nach Castor, in einem Abstand von 9° zu Menkalinan. NGC 2281 ist nur ca. 2000 Lichtjahre von uns entfernt entfernt und erscheint uns dadurch am Himmel ausgedehnter als die weiter entfernten Offenen Sternhaufen. NGC 2281 enthält auffällig viele helle, blauweiße Sterne.

 

Text von Günther Bendt

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Über den Autor Günther Bendt

Günther Bendt ist Jahrgang 1951, Diplompädagoge und Ingenieur für Physikalische/Biomedizinische Technik.  Er arbeitete in internationalen Unternehmen der Medizintechnik und war zuletzt mehrere Jahrzehnte Technischer Redakteur in einem Telekommunikationsunternehmen. Seit dem Sommer 2016 ist er im Ruhestand.

Als KInd erlebte er unerwartet eine Mondfinsternis, das weckte sein Interesse an der Astronomie. Seit 1997 macht er Führungen für Besuchergruppen der Volksternwarte Aachen. Er  ist aktives Mitglied im Arbeitskreis Astronomie der Sternwarte. Seit 2000 wartet er die technische Ausstattung der Sternwarte.
Bei Astronomie.de erstellt er seit 2004 u. a. die monatliche Himmelsvorschau. Seit 2008 präsentiert er im Arbeitskreis Astronomie seine monatlichen „Neuigkeiten aus der Astronomie“.

Als astronomischer Betreuer hat Günther Bendt seit 2009 diverse Reisegruppen für Astronomie.de und für andere Veranstalter auf Sonnenfinsternisreisen nach China und Australien, zum Venustransit auf Island sowie zu diversen Polarlichtbeobachtungen im winterlichen Lappland begleitet. Auf fünf Kontinenten hat er bislang sieben Totale Sonnenfinsternisse erlebt.