Sternbild Haar der Berenike - Lat: Coma Berenices - Genitiv: Comae Berenices, Abk.: Com

Lage, Größe und Sichtbarkeit

Das Gebiet des Sternbilds Haar der Berenike grenzt im Westen an das Sternbild Löwe, im Süden an das Sternbild  Jungfrau, im Osten an das Sternbild Bärenhüter und im Norden an das Sternbild Jagdhunde. Das Sternbild Haar der Berenike ist ein sehr unauffälliges Sternbild, denn sein hellster Stern Diadem ist nur 4,3m hell, und seine Sterne Beta Comae und Gamma Comae sind noch leuchtschwächer. In klaren, mondlosen Nächten erkennt man mit bloßem Auge südlich von Gamma Comae als Besonderheit dieser Region einen ausgedehnten, sehr matten Lichtschimmer, das ist der Coma-Sternhaufen.
Das Sternbild Haar der Berenike nimmt am Himmel eine Fläche von 386 Quadratgrad ein. Es enthält einige schöne Doppelsterne, den Coma-Sternhaufen, welcher der zweitnächste Offene Sternhaufen an unserem Himmel ist, einen schönen Kugelsternhaufen, sowie zahlreiche Galaxien.

 

Geschichte und Mythologie

In der frühen Antike war der Himmelsbereich des Sternbilds Haar der Berenike ein Teil des Sternbilds Löwe. Der matte Lichtschimmer des Coma-Sternhaufens verkörperte damals die Endquaste an der Schwanzspitze des Löwen.
Zwischen 250 v. Chr. und 245 v. Chr. heiratete Pharao Ptolemäus III. von Ägypten seine Cousine Berenice von Cyrene, den antiken Beschreibungen nach war sie eine anmutige junge Dame mit sehr schönen blonden Locken. Das Glück des jungen Paares wurde jedoch sofort gestört, da Ptolemäus schon am Morgen nach seiner Hochzeitsnacht in den Krieg ziehen musste. Darum schwor Berenice, dass sie im Falle seiner siegreichen Rückkehr ihre schönen Haare auf dem Altar der Aphrodite im Tempel von Zephyrium bei Assuan opfern werde. Und so geschah es. Es ist nicht überliefert, wie Ptolemäus auf den Anblick seiner geschorenen jungen Gattin reagiert hat. Jedenfalls waren die schönen blonden Locken am folgenden Morgen vom Altar der Aphrodite verschwunden. Das verursachte erhebliches Aufsehen, denn es handelte sich dabei schließlich um eine sehr persönliche Opfergabe der Königin.
Der Hofastronom linderte die nun allgemein aufkeimende Aufregung, indem er verkündete, dass die Götter die Locken der Königin Berenice voll Freude über deren Schönheit an den Himmel versetzt hätten, denn dort könne sie nun jedermann im Sternbild Löwe sehen. Fortan verbreitete sich unter den damaligen Astronomen die Vorstellung, den Coma-Haufen nicht mehr als Schwanzquaste eines Löwen zu interpretieren, sondern als die im Sternenlicht zart schimmernden Locken der schönen Berenice von Cyrene.
1551 erstellte der Holländer Gerhard Mercator eine Sternkarte, die ein Sternbild namens „Coma Berenices“ enthielt. Mercator wusste nicht, dass „Coma Berenices“ kein Sternbild war, sondern eigentlich ein Nebelchen im Sternbild Löwe bezeichnete. Diese Sternkarte wurde in den folgenden Jahren von vielen Astronomen benutzt, und so fand „Coma Berenices“ als Sternbild seinen Eingang in die wissenschaftliche Astronomie.

 

Markante Sterne

Der Hauptstern Diadem ist ein enger Doppelstern. Seine beiden Partner sind gleich hell und  umkreisen einander einmal in 25 Jahren, wobei der gegenseitige Abstand der beiden Partnersterne maximal 0,9 Bogensekunden erreicht. Diadem kann somit nur in Fernrohren großer Öffnung bei hoher Vergrößerung als Doppelstern erkannt werden. Ein weiterer schöner Doppelstern ist 35 Comae. Die beiden ungleich hellen Partnersterne erscheinen orange (5,2m) und blauweiß (9,2m).

 

Sehenswerte Deep-Sky-Objekte

Der Coma-Sternhaufen ist 250 Lichtjahre von uns entfernt. Dieser Offene Sternhaufen hat einen Durchmesser von über 4° und umfasst 37 Sterne. Keiner davon ist ein Riesenstern. Seine hellsten Mitglieder sind die Sterne 14 Comae und 19 Comae, sie haben jeweils 50 Sonnenleuchtkräfte. Aufgrund seiner Größe am Himmel (sie beträgt ca. acht Vollmonddurchmesser!) kann der Coma-Sternhaufen nur mit dem Fernglas beobachtet werden. Er ist auch unter dem Namen „Melotte 111“ bekannt. Wenn wir unser Fernglas auf Diadem richten, erkennen wir ein Grad nordöstlich von Diadem einen rundlichen, kleinen Nebelfleck. Das ist der Kugelsternhaufen M53. Im Fernrohr erscheint er hell und zu seiner Mitte hin konzentriert. In Fernrohr ab 5 Zoll Öffnung kann man die Randbereiche von M53 in einzelne Sterne aufgelöst sehen. M53 liegt ca. 60000 Lichtjahre von uns entfernt.
Das Sternbild Haar der Berenike liegt am Himmel weit abseits von den Sternenwolken der Milchstraßenebene. Daher kann man hier besonders tief ins All schauen. So lassen sich mit einem leistungsfähigen Fernrohr mehrere Galaxien beobachten. Da das Sternbild keine hellen Sterne enthält, ist es nicht leicht, diese Galaxien mittels der „Starhopping“-Methode aufzufinden. Für die erfolgreiche Beobachtung muss man sich mit dem Sternbild vertraut machen, damit man weiß, wo diese Galaxien liegen. 
Zieht man eine Linie von Gamma Comae zu Diadem, kann man auf dieser Linie ca. 2,3° südöstlich von Gamma Comae in mittelgroßen Fernrohren die Galaxie NGC 4565 als schmale Lichtnadel sehen. Diese 9,6m helle Spiralgalaxie sehen wir exakt in ihrer Kantenlage. Folgt man der Linie um weitere 6,3°, stößt man auf einen ovalen Lichtfleck, das ist die Spiralgalaxie M64, die in der Astronomie als die „Galaxie mit dem schwarzen Auge“ bekannt ist. Diesen poetischen Namen verdankt sie einer großen Dunkelwolke, die in der Galaxie liegt und im Fernrohr ab einer Öffnung von acht Zoll bei hoher Vergrößerung erkennbar wird. 2° östlich von Gamma Comae befindet sich NGC4559, eine unregelmäßige ovale Galaxie, deren schwächere Ausläufer erst in Fernrohren ab acht Zoll erkannt werden können. Ein halbes Grad östlich von 17 Comae finden wir die ovale Galaxie NGC 4494.
Ca. 2° südlich von 31 Comae können wir die Spiralgalaxie NGC4725 auffinden. Im südlichen Teil des Sternbilds liegen im Grenzbereich zum Sternbild Jungfrau die Galaxien M85, M88, M99 und M100. Da diese Galaxien ca. 60 Millionen Lichtjahre von uns entfernt sind,  kann man sie nur bei sehr klarem, dunklem Himmel in größeren Fernrohren deutlich wahrnehmen. In den Tiefen des Sternbilds verborgen liegen große Galaxienhaufen. Wer ein Fernrohr ab 10 Zoll Öffnung zur Verfügung hat, kann versuchen, die hellsten Galaxien dieser Galaxienhaufen zu beobachten.
Ca. zwei Grad westlich von Beta Comae liegt z. B. die 13m helle elliptische Galaxie NGC 4889. Sie ist ca. 400 Millionen Lichtjahre von uns entfernt und die hellste Galaxie des Coma-Galaxienhaufens, in dem es über 1000 Galaxien gibt.Man benötigt ein Fernrohr ab 12 Zoll Öffnung, um sie wahrnehmen zu können.

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Über den Autor Günther Bendt

Günther Bendt ist Jahrgang 1951, Diplompädagoge und Ingenieur für Physikalische/Biomedizinische Technik.  Er arbeitete in internationalen Unternehmen der Medizintechnik und war zuletzt mehrere Jahrzehnte Technischer Redakteur in einem Telekommunikationsunternehmen. Seit dem Sommer 2016 ist er im Ruhestand.

Als KInd erlebte er unerwartet eine Mondfinsternis, das weckte sein Interesse an der Astronomie. Seit 1997 macht er Führungen für Besuchergruppen der Volksternwarte Aachen. Er  ist aktives Mitglied im Arbeitskreis Astronomie der Sternwarte. Seit 2000 wartet er die technische Ausstattung der Sternwarte.
Bei Astronomie.de erstellt er seit 2004 u. a. die monatliche Himmelsvorschau. Seit 2008 präsentiert er im Arbeitskreis Astronomie seine monatlichen „Neuigkeiten aus der Astronomie“.

Als astronomischer Betreuer hat Günther Bendt seit 2009 diverse Reisegruppen für Astronomie.de und für andere Veranstalter auf Sonnenfinsternisreisen nach China und Australien, zum Venustransit auf Island sowie zu diversen Polarlichtbeobachtungen im winterlichen Lappland begleitet. Auf fünf Kontinenten hat er bislang sieben Totale Sonnenfinsternisse erlebt. 

Sonnenfinsternis in der Antarktis