Lage, Größe und Sichtbarkeit

Das Sternbild Leier ist eines der kleinsten Sternbilder am Himmel. Es liegt zwischen den Sternbildern Schwan, Drache, Herkules und Füchslein und ist ein Sommersternbild. Es nimmt  eine Fläche von 286 Quadratgrad ein und steht damit in der Liste der 88 Sternbilder an der 52. Position.
Das Sternbild ist seit der griechischen Antike bekannt. Obwohl es klein ist, ist es leicht zu finden, da es den hellen Stern Wega enthält. Wega ist der Stern, der in mitteleuropäischen Breiten in den Monaten Juni bis September nach Sonnenuntergang in Zenitnähe als erster Stern sichtbar wird.

Geschichte und Mythologie

Den antiken Sagen zufolge soll das Sternbild an die Leier des Orpheus erinnern. Hermes baute sich diese Leier als Kleinkind aus dem schön gemusterten Panzer einer Landschildkröte, die beim Spielen mit ihm verstorben war. Hermes nahm die Schildkröte auseinander, reinigte den Schildkrötenpanzer, bohrte Löcher in den Rand, zog sieben Saiten aus gedrehtem Kuhdarm hindurch, spannte die Saiten, stimmte sie und begann, darauf zu spielen. Der Klang dieses ungewöhnlichen und neuartigen Instruments gefiel seinem Halbbruder Apollon, der war davon so fasziniert, dass er die Leier bei dem kleinen Hermes spontan gegen eine Herde seiner besten Zuchtrinder eintauschte. Später schenkte Apollon die Leier seinem Sohn Orpheus. Orpheus lernte dieses Instrument perfekt zu spielen. Er spielte darauf so schön und sang dazu so wunderbar, dass die Tiere des Waldes herbeikamen und die Bäume sich neigten, um seiner Musik zu lauschen. Sogar die Felsen sollen vor Rührung über die Schönheit seiner Musik geweint haben.
Orpheus gilt nicht nur als ein phantastisch guter Musiker, sondern auch als sagenhafter Erfinder der Schrift, der Dichtkunst und der Medizin. Er reiste durch viele Länder und faszinierte dort jedermann mit seiner Kunst. Wo immer Orpheus auftauchte, lag im die örtliche Frauenwelt hingebungsvoll zu Füßen. Schließlich heiratete Orpheus die schöne Nymphe Eurydike. Während der rauschenden Hochzeitsfeier versuchte sein betrunkener Vetter Aristaios jedoch, Eurydike zu vergewaltigen. Eurydike flüchtete sich voll Panik in den Garten, trat dort auf eine Giftschlange, die erschreckt zubiss, und Eurydike starb am dem Schlangenbiss.
Der verzweifelte Orpheus beschloss spontan, alles zu versuchen, um seine geliebte junge Gattin ins Leben zurück zu holen. Darum stieg in das finstere Totenreich des Hades hinab, um Eurydike von dort zu befreien. Orpheus gelang es tatsächlich, mit dem wunderbaren Klang seiner Leier sogar das kalte Herz seines Großonkels Hades zu verzaubern, sodass Hades es dem Orpheus erlaubte, Eurydike aus dem Totenreich zurück ins Land der Lebenden zu führen. Allerdings müsse Orpheus dabei vor seiner Eurydike hergehen, er müsse außerdem ständig seine Leier spielen und er dürfe sich keinesfalls nach ihr umblicken, bevor sie beide das helle Tageslicht erreicht hätten. So führte Orpheus seine geliebte Eurydike aus dem Totenreich, doch wegen seines Leierspiels konnte er ihre Schritte hinter sich nicht hören. Um sicher zu sein, dass sie ihm folgte, und weil seine Sehnsucht nach ihr so groß war, sah er sich zu früh nach ihr um. Dadurch verlor Orpheus seine Eurydike für immer.
Nach dem endgültigen Verlust seiner geliebten Gattin wollte Orpheus nie mehr auftreten und zog sich zurück. Den Erzählungen zufolge kam er im dichten Gedränge seiner leidenschaftlichen Verehrerinnen zu Tode, weil er sie in seiner tiefen Trauer zurückwies. Sie fielen von allen Seiten wie die Furien über ihn her, packten ihn, zogen und zerrten mit aller Gewalt an ihm und rissen ihn dabei in Stücke. Voll Entsetzen über ihre Tat warfen sie die blutigen Körperteile samt der Leier in den Fluss Hesbos, und dort trieben sie gemächlich ins Meer. Der Kopf des Orpheus und die Leier wurden schließlich an den Strand der Insel Lesbos gespült.
Zeus setzte die Leier zur Erinnerung an den Orpheus als Sternbild an den Himmel.

Markante Sterne

Wega ist ein 0,0m heller Stern der Spektralklasse A0 und einer der nächstgelegenen und jüngsten Sterne in unserer Sonnenumgebung. Direkt südlich von Wega erstreckt sich der kleine Sternenrhombus der Leier, bestehend einerseits aus dem Doppelstern Zeta Lyrae und dem Doppelstern Delta Lyrae, andererseits aus den beiden Sternen Gamma Lyrae und Sheliak (Beta Lyrae). Dieser Rhombus stellt den Rahmen der himmlischen Leier dar. Sheliak steht an der rechten unteren Ecke des Rahmens und ist ein veränderlicher Stern, dessen Veränderlichkeit 1783 von John Goodrike entdeckt wurde. Sheliaks Helligkeit variiert regelmäßig alle 12,9079 Tage zwischen 3,4 m und 4,1 m. Die Helligkeitsänderung von Sheliak kann man bei einem regelmäßigen Vergleich mit dem 2° südöstlich stehenden, 3,5 m hellen Gamma Lyrae sehr gut erkennen. Mal sieht man Sheliak merklich heller als Gamma, mal zeigt sich Sheliak deutlich schwächer. Sheliak ist tatsächlich ein riesiger, leuchtkräftiger Doppelstern in 1000 Lichtjahren Entfernung, dessen Partnersterne einander eng umkreisen und sich hierbei gegenseitig verdecken, wodurch die regelmäßige Helligkeitsänderung zustande kommt.

Besondere Sterne (Doppelsterne, Veränderliche)

Delta Lyrae steht an der linken oberen Ecke des Rahmens und ist ein weit geöffneter Doppelstern (Delta1 und Delta2). Im Fernrohr erkennt man im Gebiet um Delta2 Lyra eine Ansammlung von Sternen. Dies ist ein Offener Sternhaufen, der ca. 600 Lichtjahre entfernt liegt und etwa so alt ist wie die Plejaden. Zeta Lyrae an der rechten oberen Ecke des Rahmens ist ein Doppelstern. Die beiden Partnersterne sind hell und weiß und stehen in 44 Bogensekunden Abstand voneinander. Ein weiterer beeindruckender Doppelstern der Leier ist Epsilon Lyrae. Wir finden diesen 3m hellen Stern ca. 1,5° nordöstlich von der Wega, Epsilon erscheint Beobachtern mit gutem Sehvermögen schon im bloßen Auge länglich. Im Fernglas sieht man Epsilon als Doppelstern: zwei weiße Partner mit schwarzem Zwischenraum. Bei höherer Vergrößerung im Fernrohr erscheint jeder der Partner ab 100facher Vergrößerung seinerseits doppelt. Epsilon besteht somit aus zwei Sternenpaaren.

Sehenswerte Deep-Sky-Objekte

Auf der Linie zwischen Beta und Gamma findet man mit dem Fernrohr bei mittleren Vergrößerungen den kleinen Ringnebel M57. Dieser 9m helle Planetarische Nebel wurde 1779 von dem französischen Astronomen Antoine Darquier entdeckt, seinem Entdecker erschien er wie ein Planetenscheibchen, war aber sehr viel matter, wie ein verblassender Planet. Wilhelm Herschel erfand für diese Art von Nebel die treffende Bezeichnung „Planetarischer Nebel“. M57 lässt sich im Fernrohr mit Erfolg hoch vergrößern und erscheint wie ein kleiner Rauchring vor dem schwarzen Himmel. Der 15m helle Zentralstern von M57 wird nur in Fernrohren ab 12 Zoll sichtbar.Ca. 4,5° südöstlich von Gamma Lyrae liegt der  kleine Kugelsternhaufen M56. Er ist 8,3m hell und wurde im Jahre 1776 von Charles Messier entdeckt. M56 ist 33000 Lichtjahre von uns entfernt. Man benötigt ein Fernrohr, um ihn zu sehen.
7,5° östlich von Wega liegt der 4,4m helle gelbliche Stern Theta Lyrae. In lichtstarken Fernrohren mittlerer Öffnung findet man ca. 1° südöstlich von Theta den kleinen Offenen Sternhaufen NGC 6791. Diesen Sternhaufen sieht man in kleinen Fernrohren nur als ein diffuses Nebelchen mit drei kleinen Sternen. In Fernrohren großer Öffnung kann man in NGC 6791 bei hoher Vergrößerung eine beeindruckende Menge an schwachen Sternchen wahrnehmen. Dieser Offene Sternhaufen ist ca. 8 Milliarden Jahre alt und liegt in einer Entfernung von 13000 Lichtjahren.

Text von Günther Bndt

 

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Über den Autor Günther Bendt

Günther Bendt ist Jahrgang 1951, Diplompädagoge und Ingenieur für Physikalische/Biomedizinische Technik.  Er arbeitete in internationalen Unternehmen der Medizintechnik und war zuletzt mehrere Jahrzehnte Technischer Redakteur in einem Telekommunikationsunternehmen. Seit dem Sommer 2016 ist er im Ruhestand.

Als KInd erlebte er unerwartet eine Mondfinsternis, das weckte sein Interesse an der Astronomie. Seit 1997 macht er Führungen für Besuchergruppen der Volksternwarte Aachen. Er  ist aktives Mitglied im Arbeitskreis Astronomie der Sternwarte. Seit 2000 wartet er die technische Ausstattung der Sternwarte.
Bei Astronomie.de erstellt er seit 2004 u. a. die monatliche Himmelsvorschau. Seit 2008 präsentiert er im Arbeitskreis Astronomie seine monatlichen „Neuigkeiten aus der Astronomie“.

Als astronomischer Betreuer hat Günther Bendt seit 2009 diverse Reisegruppen für Astronomie.de und für andere Veranstalter auf Sonnenfinsternisreisen nach China und Australien, zum Venustransit auf Island sowie zu diversen Polarlichtbeobachtungen im winterlichen Lappland begleitet. Auf fünf Kontinenten hat er bislang sieben Totale Sonnenfinsternisse erlebt. 

Sonnenfinsternis in der Antarktis