Lage, Größe und Sichtbarkeit

Das Sternbild Waage liegt zwischen den Sternbildern Skorpion und Jungfrau. Im Nordosten grenzt es an die Sternbilder Schlangenträger und Schlange, im Süden an die beiden Sternbilder Wolf und Wasserschlange. Mit seiner Fläche von 538 Quadratgrad liegt das Sternbild Waage in der Liste der 88 Sternbilder an der 29. Position. Das Sternbild Waage ist größer als z. B. als jedes der Sternbilder Zwillinge, Krebs, Skorpion, Widder oder Steinbock. Doch obwohl es groß ist, und obwohl es ein Tierkreissternbild ist, das jedermann zumindest dem Namen nach kennt, wird es am Himmel häufig übersehen.

Geschichte und Mythologie

Das Sternbild Waage ist das jüngste der antiken Sternbilder. Es wurde von römischen Astronomen im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung eingeführt. Vorher galt das Himmelsareal, in dem wir heute das Sternbild Waage sehen, seit vielen Jahrtausenden als Teil des mächtigen Sternbilds Skorpion. So kannte man es in Assyrien, Babylonien, im alten Ägypten und im antiken Griechenland. Das Sternbild Waage nahm am Himmel nun den Bereich ein, in dem bis dahin die beiden Scheren des Skorpions lagen.
Die Römer sahen in den Sternen des Sternbilds Waage die Waage der Astraea. Astraea war die römische Göttin der Justiz, welche die Römer im Sternbild Jungfrau verkörpert sahen. Astraea gilt heute noch als ein markantes Symbol der Justiz: Sie ist jene aufrechte junge Dame mit verbundenen Augen, die mit der einen Hand eine Waage hält, in der anderen Hand jedoch ein langes Schwert.
Welcher römische Astronom das Sternbild Waage eingeführt hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen, denn die Quellen sind verloren. In der Spätantike wurden alle astronomischen Lehrbücher der vorchristlichen Zeit von der frühkatholischen Kirche als Werke des Heidentums verteufelt. Sie wurden aus sämtlichen Bibliotheken entfernt und vernichtet. Nur wenige griechische Abschriften des Buches „Megiste Syntaxis“ des Astronomen und Kartografen Claudius Ptolemäuos (100 – 180 n. Chr) entging dieser Vernichtungskampagne. Sie gelangten im 8. Jahrhundert in die Hände arabischer Wissenschaftler, die es in Bagdad am Hofe des Kalifen Harun ar-Raschid ins Arabische übersetzten und unter dem Titel „Al-Magisti“ verbreiteten. Jahrhunderte später gelangte es unter dem Namen „Almagest“ als lateinische Übersetzung aus dem Arabischen über Venedig nach Europa. Hier wurde es bald zu einer Basis der damaligen astronomischen Weltsicht und brachte die Kenntnis der antiken Sternbilder nach Europa zurück.

Markante Sterne

Die helleren Sterne des Sternbilds Waage tragen noch heute Namen, die auf arabische Übersetzungen der griechischen Namen dieser Sterne zurückgehen. Diese griechischen Namen der Sterne stammen aus der Zeit, als sie noch Sterne des Sternbilds Skorpion waren. Der hellste Stern im Sternbild Waage ist der 2,6m helle Zubeneschemali (Beta Librae). Der Name geht auf das Arabische „Zuben-el-schemali“ zurück, was auf Deutsch „nördliche Klaue“ bedeutet. Gemeint ist damit die nördliche Schere des Skorpions. Zubeneschemali ist 120 Lichtjahre entfernt und einer der wenigen Sterne, die bei hoher Vergrößerung im Fernrohr grünlich erscheinen.
Ca. 9° südwestlich von Beta liegt der zweithellste Stern des Sternbilds Waage, das ist der 2,7m helle Zubenelgenubi (Alpha2 Librae). Der Name geht auf das Arabische „Zuben-el-dschenubi“ zurück, was auf Deutsch „südliche Klaue“ bedeutet. Gemeint ist damit die südliche Schere des Skorpions. Zubenelgenubi ist ca. 77 Lichtjahre entfernt und bildet mit seinem 5m hellen Partnerstern Alpha1 Librae ein Doppelsternsystem, das schon mit einen Fernglas getrennt gesehen werden kann.
Ca. 7° südöstlich von Beta liegt der 3,9m helle Zubenelakrab (Gamma Librae). Auf Deutsch übersetzt heißt das „die Klaue des Skorpions“. Zubenelakrab ist ein gelber Unterriese in ca. 150 Lichtjahren Entfernung.
Ca. 9,6° südsüdöstlich von Zubenelgenubi liegt der 3,3m helle Brachium (Sigma Librae). Brachium ist ein Roter Unterriese in ca. 290 Lichtjahren Entfernung.

Besondere Sterne (Doppelsterne, Veränderliche)

Ca. 4° westlich von Zubeneschemali liegt der 4,5m helle Zubenelakribi (Delta Librae), Auf Deutsch übersetzt heißt das ebenfalls „die Klaue des Skorpions“. Zubenelakribi ist ein bedeckungsveränderlicher Stern. Seine Helligkeit schwankt mit einer Periode von 2,3272 Tagen zwischen 4,4m und 5,8m.
Ein hübscher Doppelstern für kleine Teleskope ist der 5,6m helle Stern 18 Librae, ca. 2,6° südlich von Delta. Die beiden Partnersterne von 18 Librae stehen 19 Bogensekunden auseinander, der hellere Partnerstern ist gelborange, der schwächere erscheint weißgelb.

Sehenswerte Deep-Sky-Objekte

Ca. 11,5° südlich von Zubeneschemali liegt auf der Verbindungslinie zwischen Gamma und Sigma der 8,6m helle Kugelsternhaufen NGC 5897. Man benötigt jedoch ein lichtstarkes Fernrohr ab 10 Zoll Öffnung, um diesen unauffälligen Kugelsternhaufen zu beobachten und ihn in einzelne Sterne aufzulösen.
Wenn man ein Teleskop großer Öffnung (> 10 Zoll) zur Verfügung hat, kann man im Sternbild Waage mit diesem Gerät unter einem mondlos dunklen, sternklaren Himmel viele lichtschwache Galaxien (Helligkeit weniger als 12m) wahrnehmen.

Text von Günther Bendt

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Über den Autor Günther Bendt

Günther Bendt ist Jahrgang 1951, Diplompädagoge und Ingenieur für Physikalische/Biomedizinische Technik.  Er arbeitete in internationalen Unternehmen der Medizintechnik und war zuletzt mehrere Jahrzehnte Technischer Redakteur in einem Telekommunikationsunternehmen. Seit dem Sommer 2016 ist er im Ruhestand.

Als KInd erlebte er unerwartet eine Mondfinsternis, das weckte sein Interesse an der Astronomie. Seit 1997 macht er Führungen für Besuchergruppen der Volksternwarte Aachen. Er  ist aktives Mitglied im Arbeitskreis Astronomie der Sternwarte. Seit 2000 wartet er die technische Ausstattung der Sternwarte.
Bei Astronomie.de erstellt er seit 2004 u. a. die monatliche Himmelsvorschau. Seit 2008 präsentiert er im Arbeitskreis Astronomie seine monatlichen „Neuigkeiten aus der Astronomie“.

Als astronomischer Betreuer hat Günther Bendt seit 2009 diverse Reisegruppen für Astronomie.de und für andere Veranstalter auf Sonnenfinsternisreisen nach China und Australien, zum Venustransit auf Island sowie zu diversen Polarlichtbeobachtungen im winterlichen Lappland begleitet. Auf fünf Kontinenten hat er bislang sieben Totale Sonnenfinsternisse erlebt.