Jenseits des Nobelpreises

von Dr. Harald Zaun

Klaus von Klitzing im Interview

Was ein Nobelpreisträger über Medien, Raumfahrt, SETI und Aliens denkt

Für seine Entdeckung des Quanten-Hall-Effekts konnte Klaus von Klitzing im Jahre 1985 den Nobelpreis entgegennehmen. Hunderte von Interviews folgten. Bis auf den heutigen Tag thematisierten dabei alle Reporter verständlicherweise den Nobelpreis, seinen Träger und den Privatmann von Klitzing. Doch es war mal an der Zeit, dieses Paradigma zu durchbrechen und den "Wissenschaftler" zu Wort kommen zu lassen - ihn mit Fragen zu konfrontieren, die fürwahr jenseits des Nobelpreises liegen.

H. Zaun: Herr von Klitzing, vor 16 Jahren, als Ihnen der Nobelpreis verliehen wurde, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Inwieweit hat das Netz Ihre Arbeit verändert?

Klaus von Klitzing: Heutzutage ist für einen Wissenschaftler das Internet wohl die wichtigste Art der Kommunikation, sieht man einmal vom persönlichen Kontakt ab. Wenn ich bedenke, dass ich in dem Jahr meiner Auszeichnung (1985) noch mit Telex gearbeitet habe und zwei Tage warten musste, bis ein von mir entsandtes Schreiben von einem ausländischen Adressaten beantwortet wurde, funktioniert das heutzutage alles blitzschnell. Fordere ich heute irgendein wissenschaftliches Dokument an, erhalte ich es – egal wo ich mich befinde – in Sekundenschnelle. Anderseits nimmt die Informationsflut im Internet auch Überhand, was mitunter die zunehmende Kommerzialisierung dieses Mediums zu verantworten hat. Eigentlich ist das Ganze kaum noch zu überschauen.

H. Zaun: Ist die Wissenschaft durch das Internet „globaler“ geworden?

Klaus von Klitzing: Ja, gerade durchs Internet fühle ich diese Globalität. Wenn ich etwa morgens mit Australien und nachmittags mit Nordamerika E-Mails austausche, kommt diese Globalität zum Tragen.

H. Zaun: Der Kontakt zwischen Journalisten und Wissenschaftlern ist aber durch das Internet direkter geworden. Man kann sich in die Instituts-Website einklinken und mit den Forschern via E-Mail direkt kommunizieren. Ist diese Entwicklung zu begrüßen?

Klaus von Klitzing: Sicher ist diese Entwicklung begrüßenswert. Dennoch existiert meiner Erfahrung nach zwischen Journalisten und Wissenschaftlern ein gespanntes Verhältnis. Eigentlich sollte ein Vertrauensverhältnis vorhanden sein, was aber aufgrund der Tatsache, dass der Forscher den Journalisten in den meisten Fällen nicht persönlich oder dessen Hintergrund kennt, selten gegeben ist.

H. Zaun: Wie sind denn Ihre persönlichen Erfahrungen mit Journalisten?

Klaus von Klitzing: Wenn ich zum Beispiel merke, dass ein Journalist nur darauf aus ist, eine reißerische Story zu fabrizieren und ein Geschäft auf meine Kosten zu machen, reagiere ich empfindlich. Mittlerweile bin ich grundsätzlich skeptisch, wenn ich zum ersten Male einem Pressevertreter begegne. Meine Kinder glauben längst nicht mehr alles, was in Zeitungen steht. Vor allem nachdem sie mitbekommen haben, wie bestimmte Journalisten über meine Familie und mich berichtet haben. Obwohl ich stets darauf hinweise, dass familiäre Aspekte bitte außen vor gelassen werden sollten, habe ich die Erfahrung machen müssen, dass viele Reporter einfach etwas erfinden oder bewusst falsch darstellen. Gewiss, auch ich versuche mich in die Situation von freien Journalisten hineinzudenken und bin mir darüber im klarem, dass diese ihre Beiträge an Zeitungen verkaufen müssen. Diese stehen natürlich auch unter einem gewissen Druck. Aber alles sollte seine Grenzen haben. Journalisten sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein.

H. Zaun: Meinen Sie damit in erster Linie die Vertreter der Yellow Press?

Klaus von Klitzing: Ja!

H. Zaun: Gibt es aus Ihrer Sicht qualitative Unterschiede zwischen den einzelnen Medienkategorien – sprich Fernsehen, Radio, Print und Online?

Klaus von Klitzing: Also im Fernsehen besteht dass Problem darin, dass eine Aussage innerhalb von drei Minuten abgeschlossen sein muss, weil sich anscheinend keiner mehr länger konzentrieren kann. Das ist natürlich ein Problem, vor allem für Wissenschaftler, die nur schwerlich in dieser kurzen Zeit eine Theorie oder einen komplexen Sachverhalt angemessen darstellen können. Insofern haben es Fernsehleute fraglos schwerer, ein Thema vielschichtig zu behandeln, weil sie nicht so in die Tiefe gehen können wie etwa ein Fachjournalist aus dem Print-Bereich. Dies rührt auch daher, weil die Mehrheit der Bevölkerung dem, was seriöse Journalisten schreiben, intellektuell nicht mehr folgen kann. Nur noch wenige registrieren, wie interessant zum Beispiel das Thema Physik in einem wissenschaftsjournalistischen Artikel sein kann. Offensichtlich fehlen vielen Menschen dafür leider die Rezeptoren.

H. Zaun: Gibt es aus Ihrer Sicht qualitative Unterschiede zwischen den einzelnen Medienkategorien – sprich Fernsehen, Radio, Print und Online?

Klaus von Klitzing: Also im Fernsehen besteht dass Problem darin, dass eine Aussage innerhalb von drei Minuten abgeschlossen sein muss, weil sich anscheinend keiner mehr länger konzentrieren kann. Das ist natürlich ein Problem, vor allem für Wissenschaftler, die nur schwerlich in dieser kurzen Zeit eine Theorie oder einen komplexen Sachverhalt angemessen darstellen können. Insofern haben es Fernsehleute fraglos schwerer, ein Thema vielschichtig zu behandeln, weil sie nicht so in die Tiefe gehen können wie etwa ein Fachjournalist aus dem Print-Bereich. Dies rührt auch daher, weil die Mehrheit der Bevölkerung dem, was seriöse Journalisten schreiben, intellektuell nicht mehr folgen kann. Nur noch wenige registrieren, wie interessant zum Beispiel das Thema Physik in einem wissenschaftsjournalistischen Artikel sein kann. Offensichtlich fehlen vielen Menschen dafür leider die Rezeptoren.

H. Zaun: Aber durch Erfahrung kann doch auch wieder Kreativität erwachsen?

Klaus von Klitzing: Ja, sicher. Bekanntermaßen sind ja viele Erfindungen nicht am Schreibtisch entworfen worden, sondern meist in einem Entwicklungsprozess während eines Experimentes oder einer Beobachtung entstanden. Aber genau so etwas kann man eben nicht organisieren und steuern. Allerdings lassen sich andere Faktoren steuern – wie etwa die Atmosphäre, wozu etwa die Freiheit des Forschers zählt. Stimmen die Arbeitsbedingungen, kommt das der Kreativität sicherlich zugute.

H. Zaun: Einstein sagte einmal: „Ich bin kein Genie, sondern nur leidenschaftlich neugierig“. Wie wichtig ist der Faktor 'Neugierde' für den Wissenschaftler?

Klaus von Klitzing: Dieser ist sehr wichtig. Meines Erachtens hängt die treibende Kraft, die einen Forscher beflügelt, eng zusammen mit der wissenschaftlichen Fragestellung und dem Gefühl für das Spannende an der Sache und dem Drang, seine Neugier zu befriedigen. Ich glaube, dass fast jeder Wissenschaftler in seinem Beruf auch ein Hobby sieht.

H. Zaun: Die Philosophie ist Vater- und Mutterwissenschaft aller Wissenschaften. Aus ihr kristallisierten sich die heutigen Naturwissenschaften heraus. Heute steht die Philosophie aber außerhalb aller anderen Wissenschaften. Glauben Sie, dass sich beide Disziplinen wieder mehr aufeinander zu bewegen müssen?

Klaus von Klitzing: Also ich kenne viele hochstehenden Persönlichkeiten, die von der Geisteswissenschaften kommen, andererseits aber fast stolz darauf sind, nicht genau zu wissen, was ein Elektron ist.

H. Zaun: Aber wie das möglich. Man muss doch heutzutage interdisziplinär arbeiten und denken, will man ein komplexen Gegenstand erforschen?

Klaus von Klitzing: Gewiss, aber wir haben ja schon innerhalb der Naturwissenschaften genug Probleme mit dem Interdisziplinären. Das gilt auch für mich: Ich habe als Naturwissenschaftler bereits reichlich Schwierigkeiten, die Brücke zur Biologie oder Geologie zu schlagen. So kann es nicht verwundern, dass es mir bislang erst recht nicht gelungen ist, die Brücke zu den Geisteswissenschaften zu schlagen. Trotzdem müssen die Naturwissenschaften in Zukunft mehr als Einheit betrachtet werden. An der zu erwartenden Dynamik in den Naturwissenschaften in den kommenden Jahren werden alle Gebiete beteiligt sein.

H. Zaun: Wie ist es Ihrer Ansicht nach um die Zukunft der Physik bestellt?

Klaus von Klitzing: Global gesehen wird sich die Physik in Zukunft in drei Gebiete aufspalten. Zunächst einmal haben wir die Astrophysik, die den Ursprung des Universums und die Entwicklung des Kosmos als Ganzes zu hinterfragen versucht. Zweitens die Quantenphysik, wo die Suche nach dem kleinsten Baustein unaufhörlich weitergeht. Und die dritte große Säule ist die realistische praktische Physik – die Materialwissenschaft. Fraglos werden in den nächsten Jahrzehnten auch die Nano-Strukturen, jene sehr kleine Materialien, in denen wir neue Funktionen und Eigenschaften suchen, eine große Rolle spielen.

H. Zaun: Wer eine Zeitlang in der Schwerelosigkeit geschwebt und die Zerbrechlichkeit unseres blauen Planeten bewusst miterlebt hat, kehrt angeblich verändert zurück und sieht die Welt fortan mit anderen Augen. Glauben Sie, dass bemannte Raumfahrt den Blickwinkel für das Ganze verändern und einen Bewusstseinswandel einleiten kann?

Klaus von Klitzing: Gerade bei Astronauten habe ich den Eindruck, dass diese, nachdem sie im Weltraum waren, mehr Verantwortlichkeit für die Menschheit als Ganzes empfinden, nicht zuletzt deshalb, weil man in Amerika sich immer als Kern der Welt betrachtet. Als die US-Astronauten aber sahen, wie klein die Erde doch ist und verloren im Weltraum rumschwebt, ist ihnen klar geworden, wie unbedeutend ein einzelnes Land auf der Erde ist und dass man den Heimatplaneten als Ganzes sehen muss. Jene, die im All waren, zeigten plötzlich viel mehr Verantwortung für globale Fragen, die nicht nur Amerika betreffen. Dies haben mir zumindest viele Raumfahrer erzählt.

H. Zaun: Die vielleicht spannendste Frage der Postmoderne ist: Sind wir allein im Kosmos? Interessanterweise glauben die meisten Physik, Chemie und Medizin-Nobelpreisträger, dass wir zwangsläufig Brüder im All haben müssen. Wie sehen Sie das?

Klaus von Klitzing: Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass im gesamten Universum nicht irgendwo Entwicklungen gegeben hat, die auf der Chemie aufbauend irgendwelche komplexere Systeme hervorgebracht hat.

H. Zaun: Komplex bis zu einer intelligenten Lebensform?

Klaus von Klitzing: Warum eigentlich nicht. Sollten wir wirklich so einzigartig sein in der Welt? Ich kann es mir nicht vorstellen. Wenn mich heute jemand fragt: Sind wir einzigartig? würde meine Antwort lauten: Höchstwahrscheinlich nicht! Werfe ich einen Blick auf das gesamte Universum, sage ich mir, dass die Erde nichts besonderes ist.

H. Zaun: Was ist Ihrer Ansicht nach von den SETI-Radioastronomen zu halten, die schon seit über 40 Jahren den Himmel nach intelligenten Funksignalen außerirdischen Ursprungs absuchen. Sind diese nicht maßlos optimistisch?

Klaus von Klitzing: Denken Sie an die Pioneer 10 und 11 Sonden. Die Wissenschaftler, die beide Sonden in weiser Voraussicht mit einer Botschaft von der Erde bestückten, waren Optimisten in reinster Ausprägung.

H. Zaun: Müssen sich Religion und Wissenschaft eigentlich einander ausschließen?

Klaus von Klitzing: Mit Sicherheit schließt sich das nicht aus, weil Wissenschaft nun einmal nicht alles zu erklären vermag. Und die Religion ist in gewisser notwendig, um das zwischenmenschliche Miteinander zu gewährleisten. Die meisten Wissenschaftler akzeptieren sie im allgemeinen, wenngleich dabei nicht allen religiösen Inhalten bedingungslos Glauben geschenkt wird

Näheres zu Prof. v. Klitzing unter: http://www.nobel.se/physics/laureates/1985/klitzing-cv.html und http://www.mpi-stuttgart.mpg.de/

Dieses Interview erschien in einer verkürzten Version auf  telepolis.de

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