Das aktuelle Astrofoto des Monats
September 2026 - Und wieder einmal die "Schweinenase" [SS62] 13 im Stier

Im Sternbild Stier befindet sich ein Reflexionsnebel, der durch sein Aussehen auffällt. Kein Zweifel, das ist eine galaktische "Schweinenase". Mein AdM-Kollege Thorsten fühlte sich sogar an Alf erinnert ... Auf die Hintergründe zu diesem Nebel kommen wir weiter unten, jetzt erst zu dem Mann, der das Objekt aufgenommen hat. Kai Wicker ist Mitglied unserer VdS-Fachgruppe Astrofotografie. Er setzte am 20. und 21.11.2025 sowie am 25. und 26.12.2025 seinen selbst gebauten Newton mit D = 254 mm und f = 918 mm ein, die Nachführung erfolgte über einen Off-Axis-Guider. Aufnahmeort war seine Heimatstadt Bremen-Borgfeld. Die Kamera, eine monochrome CMOS-Kamera QHY268MM, ist back-side-illuminated und gekühlt. Der Sensor hat 26 Megapixel, echte 16 Bit A/D-Wandlung und 3,76 µm große Pixel. Die Belichtungszeit betrug 25 Stunden und 8 Minuten, wobei die Luminanzaufnahmen bei 918 mm liefen und RGB bei 760 mm, d.h. bei einem Öffnungsverhältnis von 1:3. Kai schreibt dazu: "Die LRGB-Aufnahmen wurden konservativ mittels PixInsight bearbeitet, Sterne und Nebel wurden nicht getrennt bearbeitet." Das Bild zeigt Norden oben und Osten links bei einer Bildfeldgröße von 103' x 67'.
Dieser "Pignose Nebula" oder der Alf-Nebel (warum sollen immer nur die Amerikaner Nebelnamen in die Welt setzen?) ist ein von den Sternen der galaktischen Scheibe angestrahlter Reflexionsnebel mit verschiedenen Katalogbezeichnungen. So ist LBN 777 am geläufigsten (B.T. Lynds 1965). Auch der Name DG 26 ist hinlänglich bekannt (der Nebel Nr. 26 aus dem Katalog der Reflexionsnebel von Dorschner und Gürtler, 1963). Aber die Ersten, die meines Wissens den Nebel publizierten, waren Otto Struve und W.C. Straka. Als Astronomen an den Observatorien Mt. Wilson und Mt. Palomar hatten sie sich natürlich mit den damals höchst interesssanten blau- und rotempfindlichen Fotoplatten beschäftigt, die in der Zeit nach 1949 - der Inbetriebnahme des 5-m-Spüiegels - emsig von vielen Astronomen auf dem gesamten Erdball untersucht wurden. Struve und Straka (daher das Kürzel SS62 in eckigen Klammern) veröffentlichten 1962 in der Zeitschrift ihre "Notes on Diffuse Galactic Nebulae" in den Publications of the Astronomical Society of the Pacific, Band 74, Seiten 474 bis 487. Darin beschrieben sie das Objekt als einen großflächigen Nebel mit der Form einer 8. Und weil die ersten Beobachter und ihre Arbeit nicht vergessen werden sollen, werde ich solche Objekte auch immer mit den Namen der betreffenden Astronomen versehen.
Die von Struve und Straka beobachtete 8 sind Alfs "Nasenlöcher". Sie wurden schon 1919 vom allseits bekannten E.E. Barnard in seinem Bildband der Dunkelwolken als B 207 bezeichnet. Den hellen umgebenden Reflexionsnebel hat Barnard aber nicht wahrgenommen, ebenso wenig Frau Lynds, die den Nebel 1962 als Dunkelnebel LDN 1489 mit 1801 weiteren Dunkelnebeln publizierte. Wir dürfen dabei eines nicht vergessen: Heute im Zeitalter der digitalen Sensoren sind die Aufnahmen schwächster Objekte kein Problem, nur eine Frage der Geduld des Fotografen. Die fotografischen Platten, so sehr sie auch damals einen "astronomischen Inpakt" erzeugten, waren aber in den 1950er und 1960er Jahren noch relativ unempfindlich.
Wie weit ist [SS62] 13 alias DG 26 und LBN 777 eigentlich entfernt? Radioastronomen hatten schon 1989 die umgebende Molekülwolke untersucht. Dort ist der Staub - hauptsächlich aus Silikaten bestehend - mit molekularem Kohlenmonoxid CO sowie Ammoniak NH3 vermengt. Derartige Nebelschichten liegen insbesondere in geringer Höhe von 100 bis 400 Parsec (pc) über bzw. unter der galaktischen Ebene. Das ist im Stier genau der Fall. So haben P.J. Benson und P.C. Myers 1989 die folgende Veröffentlichung herausgebracht: "A Survey for Dense Cores in Dark Clouds" (ein Survey nach dichten Kernen in Dunkelwolken), Astrophys. J. Suppl. 71, p.89-108. Sie nutzten radioastronomisch die Frequenz von 23,7 GHz, um dem Ammoniak auf die Spur zu kommen. Mit Teleskopen von 37 und 45 Metern Öffnung konnten gute Signale dieser Molekülart eingefangen werden. So gelang der Nachweis, dass der größte Teil an Dunkelwolken tatsächlich ein Kerngebiet (engl.: core) aufweist. Dort herrscht die größte Teilchendichte, wobei Ammoniak und Kohlenmonoxid aufgrund der Raumkälte mit den Silikatteilchen "verklebt" sind. Die Temperatur von 10 bis 15 Kelvin reicht aus, um Ammoniak zur Emission anzuregen - nicht Lichtemission, sondern Strahlung von 23,7 GHz. Die beiden Astronomen geben als Entfernung von LDN 1489 rund 140 pc an, das sind etwa 460 Lichtjahre. Und das gilt dann auch für den Reflexionsnebel.
Das aktuelle AdM sagt mir farblich sehr zu, obgleich es unter einem suboptimalen Himmel entstand. Das Aufnahmefeld liegt nahe dem galaktischen Antizentrum. Daher folgt, dass kaum blaue Sterne erkennbar sind (nur drei helle sind im Aufnahmefeld zu sehen), die große Menge an blauen Sternen steckt in der materiedichten Milchstraßenebene. Zudem sind viele Sterne im Bildfeld durch den Staub in den Molekülwolken und Dunkelwolken gerötet. Beverly Lynds schrieb zu der Beurteilung der Nebelfarben, dass eine kräftigere Wiedergabe auf den POSS-Blauplatten im Verhältnis zu den Rotplatten auf die Natur als blaue Reflexionsnebel hinweist. Ist die Abbildung auf den Rotplatten deutlich kräftiger als auf den Blauplatten, so dürfte es sich in der Regel um H II-Regionen handeln. Dies führte dazu, dass in der Datenbank SIMBAD für LBN 777 auch die Typisierung als H II-Region zu lesen ist - natürlich ein klarer Unsinn. In solchen galaktischen Breiten wie bei [SS62] 13 gibt es weit oberhalb der Milchstraßenebene keinen dichten Staub, der massive Sterne als Urheber für H II-Regionen hervorbringen könnte. Die Nebel sind eindeutig bräunliche Reflexionsnebel, durchscheinend und von geringer Dichte. Frau Lynds merkt allerdings an, dass ein kräftigeres Rot im Vergleich zu blasserem Blau auf den fotografischen Platten kein unbedingtes Kriterium für H II-Regionen ist. Schließlich gibt es durchaus rötliche Reflexionsnebel, z. B. nennt sie die Nebel um Antares im Skorpion. Wer liegt also schief? SIMBAD.
Das AdM des Monats April 2026 zeigte ebenfalls den "Pignose Nebula", auch von einem Kai, nämlich Kai-Oliver Detken. Man schaue sich sein AdM zum Vergleich an. Der Reflexionsnebel ist etwas wärmer im Farbton als das heutige AdM. Dies zeigt aber erst recht, dass es sich bei LBN 777 keinesfalls um eine H II-Region handelt.
Vielen Dank für dieses hervorragende Astrofoto, lieber Kai. Dazu natürlich auch die Gratulation des AdM-Teams zum Astrofoto des Monats September 2026!
Peter Riepe
Bildautor: Kai Wicker
Koordinaten (J2000.0) von LBN 777 bzw. [SS62] 13:
RA = 04 h 05 min 00,0 s, Dec = +26° 24' 00" (Simbad)
RA = 04 h 04 min 23,9 s, Dec = +26° 22' 23" (Mittelpunkt aus AdM)
Sie haben Fragen oder Anmerkungen? Leider können wir im Forum nicht mitmachen. Scheuen Sie sich also nicht, den direkten Kontakt zu uns zu wählen: fg-astrofotografie@vds-astro.de.
Mitmachen beim Astrofoto des Monats
Ihr möchtet Euch für das Astrofoto des Monats bewerben? Dann schickt uns Euer Bild. Jetzt zum Formular gehen!
Mailingliste der VdS-Fachgruppe Astrofotografie
Die VdS-Fachgruppe Astrofotografie bietet allen Interessierten eine Mitgliedschaft in einer aktiven Mailingliste an.
Weitere Informationen erhalten Sie unter http://astrofotografie.fg-vds.de/mailingliste.php3
Wissenswertes zum AdM
An dieser Stelle veröffentlichen wir regelmäßig das "Astrofoto des Monats". Unser Ziel ist es nicht nur, allen Interessenten neue schöne Astro-Bilder zu zeigen, sondern auch Anhaltspunkte für mögliche Motive und Techniken zu bieten.
Die Ehe zwischen der VdS-Fachgruppe Astrofotografie und Astronomie.de ist ein großer Erfolg. Und alles funktioniert auch weiterhin gut. Das Kind, das aus dieser Ehe hervorging, heißt „Astrofoto des Monats", schlicht abgekürzt als AdM.
Seit November 2004 gibt es Woche für Woche ein neues AdW. Seit März 2024 erscheint das AdW der Woche nur noch monatlich und heisst seit dem das AdM.
Jeder, der ein gutes Astrofoto gemacht hat, kann dieses Bild einsenden, damit es als AdW publiziert wird. Welche Bilder kommen dafür in Frage?
- Alle „himmlischen Objekte" sind erwünscht (Sonne, Mond, Planeten, Deep-Sky-Objekte, auch Motive mit irdischem Vordergrund)
- Das Bild muss eine „Eigenproduktionen" des Einsenders sein.
- Die Bildqualität sollte in Ordnung sein, ohne erkennbare, größere Fehler.
- Zur Bildvorlage gehört auch die Dokumentation der Aufnahmedaten.
Unser Ziel ist, dass die Forumsbesucher/Leser aus den Aufnahmen lernen. Das kann sich auf die Aufnahmetechnik beziehen, aber auch auf den astronomischen Wissenshintergrund zum Objekt selbst. Deshalb wird nicht nur die Aufnahme mit ihren reinen Aufnahmedaten vorgestellt, sondern auch über den astronomischen Kenntnisstand zum Objekt und seinem Umfeld berichtet.
Welche Menschen bilden das AdW-Team? Erfahren Sie mehr zum Team.
In den letzten Jahren hat sich für das AdW ein Kreis von Bildautoren ergeben, der den gesamten deutschsprachigen Raum (und sogar darüber hinaus) umfasst. Insbesondere sind die Freunde aus Österreich zu nennen – sie sind offensichtlich vom Wetter her begünstigt. Und nun die Botschaft an alle Astrofotografen: Das AdW steht Euch offen. Wichtig für uns: Das Astrofoto darf noch nicht in anderen Foren und Medien veröffentlicht sein. Davon ausgenommen sind selbstverständlich eigene Webseiten. Nutzt die Möglichkeiten und schickt Euer Bild! Schlussbemerkung: Am Jahresende wird von der Fachgruppe Astrofotografie aus allen AdWs das „AdJ" gewählt, das Astrofoto des Jahres.
Herzliche Grüße vom AdW-Team
Mitmachen beim Astrofoto des Monats
Ihr möchtet Euch für das Astrofoto des Monats bewerben? Dann schickt uns Euer Bild.
Mailingliste der VdS-Fachgruppe Astrofotografie
Die VdS-Fachgruppe Astrofotografie bietet allen Interessierten eine Mitgliedschaft in einer aktiven Mailingliste an.
Weitere Informationen erhalten Sie unter astrofotografie.fg-vds.de/mailingliste.php3
Abonnieren Sie das Astrofoto der Woche jetzt als RSS-Feed!
Wer steckt eigentlich hinter dem AdM-Team?
Hier stellen sich die Mitglieder des AdM-Teams einmal selbst vor. Das geschieht in der Reihenfolge der Arbeitsabläufe, durch die das Astrofoto des Monats in seine präsentierte Form gebracht wird.
Peter Riepe

Peter Riepe, Dipl.-Physiker, ist Gründungsmitglied der VdS-Fachgruppe Astrofotografie (1982) und seit 1987 deren Leiter. Zusammen mit Doris Unbehaun hat er 2004 das AdW eingerichtet. Er stimmt mit den Bildeinsendern und AdW-Kollegen die Durchführung ab und erstellt den Ablaufplan. Dann verfasst er einen recherchierten Text zum astronomischen Hintergrund des AdWs und führt die Schlussredaktion durch.
Jens Leich

Jens Leich, staatl. gepr. Betriebswirt der Wirtschaftsinformatik, VdS-Mitglied seit 1998, beschäftigt sich seit fast 35 Jahren mit der Astronomie, insbesondere mit Sonne, Mond und Planeten. Er stieß im Mai 2016 zum AdW-Team und gab mit dem Merkurtransit vom 9. Mai 2016 sein Debüt. Für Bildeinsendungen zum „Near Sky“ (Sonne, Mond, Planeten) erstellt er den kompletten Text mit astronomischem und aufnahmetechnischem Hintergrund.
Thorsten Zilch

Thorsten Zilch ist seit vielen Jahren VdS-Mitglied und interessierter Amateurastronom innerhalb der VdS-Fachgruppen Astrofotografie und Kometen. Seit 2013 betreut er zur Unterstützung des AdW-Teams das Thema „Astrofoto des Jahres“. Dazu zählt sowohl die Koordination und Abwicklung der Aktivitäten rund um die jährliche Wahl, als auch die Vorbereitung und Finalisierung der entsprechenden Berichte für den Internetauftritt auf Astronomie.de und das VdS-Journal für Astronomie.
Malte Bolte

Malte Bolte begeistert sich seit seiner Kindheit für die Astronomie, nachdem er mit seinem Opa zusammen ein Teleskop gebaut hat. Besonders interessiert ihn das Fachgebiet der Astrophysik. Mitte 2019 übernahm er von Stefan van Ree die Rolle des Hauptredakteurs auf Astronomie.de.

















































































































































































