Lage, Größe und Sichtbarkeit

Das Sternbild Jungfrau liegt auf der Ekliptik zwischen den Sternbildern Löwe und Waage. Es hat eine Fläche von 1294 Quadratgrad und ist das Zweitgrößte der 88 Sternbilder. Man findet es, indem man ausgehend von der Deichsel des Großen Wagens eine Linie zum Stern Arktur im Sternbild Bärenhüter zieht und diese Linie über Arktur hinaus verlängert. Dann landet der Blick unweigerlich auf dem Stern Spica, er ist der hellste Stern im Sternbild Jungfrau. Das Sternbild Jungfrau ist in Frühlingsnächten am besten zu sehen.

 

Geschichte und Mythologie

Das Sternbild Jungfrau gehört zu den 48 klassischen Sternbildern, die uns seit der Antike überliefert sind. Die älteste Erwähnung des Sternbilds stammt aus Mesopotamien. Dort stand um 2700 v. Chr. im Reich Akkad die Sonne zu Beginn der Erntezeit im Sternbild Waage. Dadurch ging der hellste Stern des Sternbilds Jungfrau kurz vor der Sonne auf, war dadurch auffällig zu sehen und wurde als Anzeichen für den Beginn der Erntezeit. Damals hieß das Sternbild noch nicht Jungfrau, sondern „MUL-AB-SIN“, was man als „Ackerfurche“ übersetzen kann. Den hellsten Stern des Sternbilds nannte man damals „Schala“, so hieß die göttliche Jungfrau der Kornähre. Um 700 v. Chr. lernten griechische Astronomen das Sternbild in Babylon kennen und führten es in Griechenland ein. Hier entstanden bald unterschiedliche mythologische Erklärungen zu dem Sternbild.
Den Schriften des römischen Schriftsteller Hyginus (ca. 200 n. Chr.) zufolge soll das Sternbild an Erigone erinnern, die Tochter des Ikarios. Der kluge Gott Dionysos hatte dem Ikarios die Kunst der Weinherstellung beigebracht. Ikarios war ein gelehriger Schüler und er war von seinem ersten selbstgekelterten Wein so begeistert, dass er ihn gleich einigen durstigen, aber mit dem Wein und seiner Wirkung völlig unerfahrenen Hirten anbot. Die Hirten tranken den leckeren Wein in vollen Zügen, aber als sie daraufhin zum ersten Mal in ihrem Leben einen Rausch erlebten, nahmen sie an, dass Ikarios sie vergiftet hätte. Deshalb schlugen sie den Ikarios tot und verscharrten den Leichnam unter einer Tanne. Der treue Hund des Ikarios rannte daraufhin winselnd zu Erigone und führte die Ahnungslose anschließend zu dem frischen Grab. Als Erigone das Grab öffnete und den Leichnam des Ikarios darin entdeckte, erhängte sie sich voller Verzweiflung in der Tanne, und der Hund ertränkte sich in einem nahen Brunnen. Zeus versetzte Erigone als Sternbild Jungfrau an den Himmel, und den Hund des Ikarios sehen wir dort als Sternbild Kleiner Hund.
Anderen Quellen zufolge soll das Sternbild Jungfrau die sanfte Kore darstellen, die Tochter des Zeus und der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter. Kore wurde von ihrem eigenen Vater zunächst geschwängert, und anschließend von ihm ignoriert. Als Hades, der Herrscher des Totenreichs und Bruder des Zeus das unglückliche Mädchen sah, verliebte er sich in sie, entführte sie in sein Totenreich und machte sie zu seiner Braut. Zeus ließ das zu. Kore trug seitdem den Namen Persephone, fortan verbrachte sie Jahr um Jahr die Hälfte ihrer Zeit als Gattin des Hades im düsteren Totenreich (das erzeugte den Winter) und die andere Hälfte bei ihrer Mutter Demeter an der sonnigen Oberfläche (dadurch kam es zum Sommer).
Andere Autoren behaupten, dass das Sternbild die schöne Dike darstellt. Dike wird von manchen antiken Autoren als eine Tochter des Zeus und der Titanin Themis, von anderen als Tochter des Helios, von anderen jedoch als Tochter des Kronos oder als Tochter des Nomos und der Eusebia beschrieben. Als die Dike lebte, war die Welt noch schön, still und friedlich, und die ernste und sanftmütige Dike liebte diese paradiesische Zeit. Doch als die Zwietracht und Gier der Menschen und der Götter die Welt zunehmend in ein blutiges Chaos verwandelten, zog sich Dike traurig in die Stille der Berge und des Sternenhimmels zurück, um die fürchterlichen Folgen der Gier und der Bosheit nicht mehr mit ansehen zu müssen. Im Rechtssystem der griechischen Klassik bezeichnete der Begriff „Dike“ das Zivilrecht. Andere Quellen sehen im Sternbild Jungfrau eine Tochter des Zeus und der Themis namens Astraea. Die Ungerechtigkeit unter den Menschen und deren gefühllose Rücksichtslosigkeit ließen die jungfräuliche Astraea verzweifeln, so dass sie sich enttäuscht in den Himmel flüchtete. Bei den Römern galt die Astraea als eine Verkörperung der Gerechtigkeit und der Justiz, und sie blieb das bis heute. Sie ist jene junge Dame mit verbundenen Augen, die in der einen Hand eine Waage zum Wägen der Schwere der Schuld, in der anderen Hand ein scharfes Schwert hält.
Erst die Römer gaben dem Sternbild den Namen Virgo (Jungfrau), den hellen Stern nannten sie Spica (Ähre).

Markante Sterne

Der 1,0m helle Stern Spica (Alpha Virginis) ist ein blauweißer Riesenstern der Spektralklasse B2. Spica liegt in einer Entfernung von 262 Lichtjahren, er hat elf Sonnenmassen und 13500 Sonnenleuchtkräfte. Spica ist ein bedeckungsveränderlicher Doppelstern, sein kleinerer Partner hat sieben Sonnenmassen und 1700 Sonnenleuchtkräfte, die beiden verdecken einander alle vier Tage, die Gesamthelligkeit von Spica schwankt hierdurch jedoch nur um ca. 2%. Zavijava (Beta Virginis) ist ein Stern mit sechs Sonnenleuchtkräften in 35 Lichtjahren Entfernung. Porrima (Gamma Virginis) ist ein enger Doppelstern, dessen beiden Partner zurzeit aufgrund ihrer Bewegung umeinander nur noch 1 Bogensekunde weit auseinander stehen, sodass sie im kleinen Fernrohr nicht mehr getrennt gesehen werden können. Vindemiatrix (Epsilon Virginis) ist 102 Lichtjahre entfernt, der Name dieses Sterns bedeutet „Weinleserin“. In der römischen Antike zeigte der Aufgang von Vindemiatrix in der Morgendämmerung den Weinbauern an, dass der Zeitpunkt für den Beginn der Weinlese gekommen war.

 

Sehenswerte Deep-Sky-Objekte

Im Sternbild Jungfrau kann man bei klarem, dunklem Himmel mit einem Teleskop von 8 Zoll Öffnung zahlreiche Galaxien beobachten. Viele dieser lichtschwachen Objekte wurden bereits im 18. Jahrhundert mit kleinen Fernrohren entdeckt. Die meisten liegen am Himmel im Dreieck zwischen Vindemiatrix, Zaniah (Eta Virginis) und Denebola (Beta Leonis). Bei guten Bedingungen kann man M49. die mit 8,5m hellste Galaxie des Sternbilds, schon im kleinen Fernglas sehen. Weitere helle Galaxien sind M58, M59, M60, M61, M84, M86, M87, M88, M89, M89, M90, NGC 4526, NGC 4535, NGC 4636, NGC 4753. Alle diese Galaxien gehören zum Virgo-Galaxienhaufen, sie sind im Mittel ca. 60 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. M87 ist eine elliptische Riesengalaxie mit ca. 3 Billionen Sonnenmassen und ist damit eine der massereichsten Galaxien, die bisher entdeckt wurden.
Eine weitere helle Galaxie ist M104, nahe der südlichen Grenze zum Sternbild Rabe gelegen. M104 ist 30 Millionen Lichtjahre von uns entfernt und ist auch unter dem Namen „Sombrero-Galaxie bekannt, sie liegt ca. 10° westlich von Spica.
Das am weitesten entfernte in mittelgroßen Fernrohren erkennbare Objekt im Sternbild Jungfrau ist der Quasar 3C 273. Im Fernrohr ab 8 Zoll Öffnung ist er bei klarem, dunklem Himmel als blassblaues Pünktchen von 12,8m ca. 4° ost-südöstlich des 5m hellen Sterns 16 Virginis zu erkennen. 3C273 ist ca. 2,4 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt und strahlt 4,1 Billionen Mal heller als unsere Sonne.

Text von Günther Bendt

 

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Über den Autor Günther Bendt

Günther Bendt ist Jahrgang 1951, Diplompädagoge und Ingenieur für Physikalische/Biomedizinische Technik.  Er arbeitete in internationalen Unternehmen der Medizintechnik und war zuletzt mehrere Jahrzehnte Technischer Redakteur in einem Telekommunikationsunternehmen. Seit dem Sommer 2016 ist er im Ruhestand.

Als KInd erlebte er unerwartet eine Mondfinsternis, das weckte sein Interesse an der Astronomie. Seit 1997 macht er Führungen für Besuchergruppen der Volksternwarte Aachen. Er  ist aktives Mitglied im Arbeitskreis Astronomie der Sternwarte. Seit 2000 wartet er die technische Ausstattung der Sternwarte.
Bei Astronomie.de erstellt er seit 2004 u. a. die monatliche Himmelsvorschau. Seit 2008 präsentiert er im Arbeitskreis Astronomie seine monatlichen „Neuigkeiten aus der Astronomie“.

Als astronomischer Betreuer hat Günther Bendt seit 2009 diverse Reisegruppen für Astronomie.de und für andere Veranstalter auf Sonnenfinsternisreisen nach China und Australien, zum Venustransit auf Island sowie zu diversen Polarlichtbeobachtungen im winterlichen Lappland begleitet. Auf fünf Kontinenten hat er bislang sieben Totale Sonnenfinsternisse erlebt.