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Der Elefant im Universum

Rezension von: Rezensent: Günther Bendt | | Verlag

Der Titel dieses Buches irritiert zunächst: Was soll denn ein „Elefant im Universum“ mit dem Rätsel der Dunklen Materie gemeinsam haben?

Doch bereits auf den ersten Seiten im Buch wird das geklärt.

 

Viele astronomische Beobachtungen zeigen seit vielen Jahrzehnten, dass es die „Dunkle Materie“ geben muss. Doch bislang weiß niemand, um was es sich dabei handelt. Die Dunkle Materie“ ist unsichtbar und wirkt nur durch ihre Schwerkraft.
Da man keine realistische Vorstellung von etwas gewinnen kann, das noch niemand je gesehen hat, ist die „Dunkle Materie“ für uns notwendigerweise so fremd und unvorstellbar, wie ein Elefant das für eine Gruppe Blinder wäre, von denen keiner eine Ahnung davon hat, was ein Elefanten ist, und denen man die Aufgabe stellt dass jeder von ihnen einen Elefanten ein einziges Mal kurz anfassen soll, und zwar ein jeder von ihnen jeweils ein anderes Körperteil. Anschließend solle jeder der Blinden mitteilen, wofür er den Elefanten auf der Basis seines einmalig kurzen Kontakts mit ihm hält.

Das Thema des Buches ist die „Dunkle Materie“, und die komplexe Geschichte der zahlreichen Versuche, die Existenz der „Dunklen Materie“ durch Messung ihrer vielfältigen Wirkungen zu belegen, und ihre Eigenschaften zu ergründen.

Der Autor Govert Schilling präsentiert diese komplexe Geschichte in seinem Buch sehr anschaulich. Er stellt darin die Beobachtungen vor, die sich durch eine Wirkung der „Dunklen Materie“ erklären lassen, und präsentiert die theoretischen Ansätze, mit denen man zu einem Verständnis der „Dunklen Materie“ zu gelangen hofft. Er beschreibt die aus den theoretischen Ansätzen abgeleiteten Experimente, die von Generationen von Wissenschaftlern im Laufe der Jahrzehnte entwickelt wurden, um zu ergründen, was die „Dunkle Materie“ ist, woraus sie besteht, und warum sie so wirkt, wie sie wirkt.

Das gelingt Govert Schilling aus mehreren Gründen gut. Zum einen hat er alle Themen sehr sorgfältig und lange recherchiert. Des Weiteren ist er ein renommierter Wissenschaftsjournalist, und hat viele der am Erforschungsprozess der „Dunklen Materie“ beteiligten Physiker im Laufe von Jahrzehnten in vielen Interviews sehr persönlich kennen gelernt. Zudem versteht er als Physiker die komplexen physikalischen Zusammenhänge sowie die Fähigkeiten seines Publikums so gut, dass er diese Zusammenhänge mit großer Umsicht anschaulich und verständlich erklären kann.

Durch die Lektüre erfährt man, auf welcher Grundlage die verschiedenen Wissenschaftler ihre Ansätzen zur Erklärung der „Dunklen Materie“ entwickelt und weiterentwickelt haben, und zu welchen Einsichten sie durch die Ergebnisse ihrer Experimente und durch weitere Beobachtungen gekommen sind. Und wie diese Einsichten die Arbeit ihrer Kollegen befruchtet haben. Man spürt dabei, wie dieser komplexe Erkenntnisprozess sie tief fasziniert, und sie ermutigt und anspornt.
Dadurch kann man auf weitere Fortschritte hoffen.

Zugleich liest es sich oft auch spannend wie ein Krimi. Es schildert unerwartete und rätselhafte Beobachtungen, und berichtet von Hypothesen zur Erklärung dieser Beobachtungen: Es stellt zahlreiche Experimente vor, die man durchgeführt hat und weiterhin durchführt, um das Wesen der „Dunkle Materie“ zu verstehen, und man erlebt die zahlreichen Wendungen, die sich ergeben müssen, wenn im Zuge wachsender Erfahrungen neue Erkenntnisse auftauchen.

Das Buch zeigt deutlich, dass bislang niemand weiß, was die „Dunkle Materie“ ist. Das Buch zeigt jedoch auch, dass man ihre Existenz nicht mehr bezweifeln kann. Vielfältige Beobachtungen  belegen, dass etwas Unsichtbares und Schweres die Struktur des Universums von seinem Anbeginn maßgeblich gestaltet hat, und dass dieses Unsichtbare und Schwere das weiterhin auf vielfältige Weise in allen Galaxienhaufen sowie in den einzelnen Galaxien tut. Mit seinem Buch konfrontiert uns Govert Schilling umsichtig und unaufgeregt mit diesem noch so faszinierend unlösbar erscheinenden Rätsel.

Obwohl es in dem Buch um ein unlösbar scheinendes Rätsel geht, findet man sich darin gut zurecht. Es ist klar gegliedert, und das Vorwort erklärt deutlich, welche Informationen man in welchem Kapitel findet, und in welchem Kontext diese Informationen jeweils zu verstehen sind. Sehr hilfreich sind auch die zahlreichen und übersichtlich strukturierten Quellenangaben.

 

Das Buch von Govert Schilling ist 2022 unter dem Titel „The Elephant in the Universe“ bei der Harvard University Press erschienen.
Die deutsche Übersetzung „Der Elefant im Universum“ erschien 2024 beim Franckh-Kosmos Verlags GmbH&Co KG.

Das Buch umfasst 399 Seiten.
Das Buch ist als Hardcover erhältlich.
Titel: Der Elefant im Universum
Autor: Govert Schilling
Verlag: Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co KG, Pfizerstr. 5 – 7, 70184 Stuttgart
ISBN: 978-3-440-17719-8