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Ein Sternhaufen im Sternhaufen

Der Sternhaufen NGC 6604 wird häufig zugunsten seines viel bekannteren unmittelbaren Nachbarn übersehen: des Adlernebels (auch bekannt als Messier 16). Diese neue Aufnahme von NGC 6604 zeigt den Sternhaufen eingebettet in seine Umgebung aus Gas und Staub. Sie wurde mit dem Wide Field Imager am MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop am La Silla-Observatorium in Chile gewonnen und beweist, dass sich auch dieser Sternhaufen durchaus sehen lassen kann.

Eso-Pressemitteilung vom 25.April 2012

NGC 6604 ist die helle Sterngruppe oben links im Bild: ein junger Sternhaufen, dichtester Teil einer viel weiter verteilten Sternassoziation, welche im Ganzen etwa einhundert helle, weißlich-blaue Sterne enthält [1]. Die Aufnahme zeigt außerdem den zum Sternhaufen gehörenden Nebel – eine leuchtende Wolke aus Wasserstoffgas, die als Sh2-54 [2] bezeichnet wird – sowie dunklen Staub.

NGC 6604 befindet sich in einer Entfernung von etwa 5500 Lichtjahren im Sternbild Serpens (die Schlange) und liegt am Himmel knapp 2° – etwa vier Vollmondurchmesser – nördlich vom Adlernebel (eso0926). Die hellsten Sterne von NGC 6604 sind bereits mithilfe eines kleinen Teleskops auszumachen, so dass der Sternhaufen bereits im Jahre 1784 von William Herschel katalogisiert werden konnte. Die sehr viel leuchtschwächeren Gaswolken dagegen blieben bis in die 50er Jahre hinein unentdeckt. Sie wurden schließlich von Stewart Sharpless auf Fotografien für den National Geographic–Palomar Sky Atlas ausgemacht.

Die heißen jungen Sterne bereiten gerade die Entstehung einer neuen Sterngeneration in NGC 6604 vor: Ihre intensive Strahlung und ihre starken Winde treiben Materie in einer kompakten Region zusammen. Sind aus dieser Verdichtung erst einmal neue Sterne entstanden, dann wird diese zweite Sterngeneration die erste bald ganz ersetzen: Die hellen, jungen Sterne sind sehr massereich und gehen daher besonders verschwenderisch mit ihrem Kernbrennstoff um. Ihr Leben wird daher auf astronomischen Zeitskalen gemessen nur sehr kurz sein.

Auch jenseits ästhetischer Gesichtspunkte zieht NGC 6604 die Aufmerksamkeit der Astronomen auf sich. Von dem Sternhaufen geht eine seltsame Säule aus heißem, ionisiertem Gas aus. Ähnliche Gassäulen – regelrechte Kanäle, entlang derer die von jungen Sternhaufen ausgestoßene Materie fließt – sind aus anderen Regionen in der Milchstraße und von anderen Spiralgalaxien bekannt. NGC 6604 allerdings liegt vergleichsweise nahe an der Erde und ermöglicht den Astronomen daher besonders detaillierte Untersuchungen.

Diese Säule, von den Astronomen auch als „Kamin“ bezeichnet, steht senkrecht auf der galaktischen Ebene und erstreckt sich über unglaubliche 650 Lichtjahre. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die heißen Sterne in NGC 6604 für die Entstehung des Kamins verantwortlich sind. Die Natur dieser ungewöhnlichen Strukturen dürfte allerdings erst durch zukünftige Forschungen vollständig enthüllt werden.

Endnoten

[1] Die Sternassoziation hat die Bezeichnung Serpens OB. Dabei bezieht sich der erste Teil des Namens auf das Sternbild, in dem die Sterne zu finden sind, und die Buchstaben OB auf ihre Spektraltypen. O und B sind die beiden heißesten Sternklassen, ihre Mitglieder sind blau-weiß und leuchten hell.

[2] Die Bezeichnung Sh2-54 bedeutet, dass es sich um das 54. Objekt im zweiten Sharpless-Katalog von HII-Regionen handelt. Der Katalog erschien im Jahre 1959.

Weitere Informationen

Das MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop wurde 1984 in Betrieb genommen und ist eine Leihgabe der Max-Planck-Gesellschaft an die ESO. Sein Wide Field Imager, eine astronomische Kamera mit besonders großem Blickfeld und einem Detektor mit 67 Millionen Pixeln, liefert Bilder, die nicht nur von wissenschaftlichem, sondern auch von ästhetischem Wert sind. Der hochauflösende Echelle-Spektrograf FEROS (Fibre-fed Extended Range Optical Spectrograph) wurde von einem Konsortium von vier europäischen Instituten unter Federführung der Heidelberger Landessternwarte auf dem Königstuhl entwickelt und gebaut.

Im Jahr 2012 feiert die Europäische Südsternwarte ESO (European Southern Observatory) das 50-jährige Jubiläum ihrer Gründung. Die ESO ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch ihre 15 Mitgliedsländer: Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, die Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO betreibt drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Nordchile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf dem Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts und zwei Teleskope für Himmelsdurchmusterungen: VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt, arbeitet im Infraroten, während das VLT Survey Telescope (VST) für Himmelsdurchmusterungen ausschließlich im sichtbaren Licht konzipiert ist. Die ESO ist der europäische Partner für den Aufbau des Antennenfelds ALMA, das größte astronomische Projekt überhaupt. Derzeit entwickelt die ESO ein Großteleskop der 40-Meter-Klasse für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren und Infrarotlichts, das einmal das größte optische Teleskop der Welt werden wird, das European Extremely Large Telescope (E-ELT).

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