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Kannibalismus unter Zwerggalaxien

Erstellt von: Dr. Rainer Kayser | | Forschung und neue Erkenntnisse

Große Galaxien wachsen, indem sie kleinere Sternsysteme schlucken. Dieser kosmische Kannibalismus sorgt aber auch für das Wachstum der kleineren Sternsysteme. Das zeigen Beobachtungen von zwei internationalen Forscherteams. Die Astronomen haben erstmals beobachtet, wie eine Zwerggalaxie ein noch kleineres Milchstraßensystem verschlingt. Die Wissenschaftler berichten in den Fachblättern „Nature" und „Astrophysical Journal Letters" über ihre Untersuchungen.


„Eine Reihe von Modellen sagen vorher, dass Zwerge andere Zwerge verschlingen sollten. Jetzt haben wir solch eine Mahlzeit erstmals direkt beobachten können und so ein wichtiges Puzzlestück der Galaxienentwicklung gefunden", sagt David Martínez-Delgado vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, der eines der beiden Teams leitet. „Außerdem ist uns NGC 4449 mit einer Entfernung von 12 Millionen Lichtjahren relativ nahe. Das zeigt, dass solche Prozesse auch im heutigen Universum noch eine Rolle spielen. Sie müssen berücksichtigt werden, um unsere kosmische Nachbarschaft zu verstehen."


NGC 4449 ist eine nur schwach leuchtende Zwerggalaxie im Sternbild Jagdhunde. Schon 2007 hatten Astronomen einen verdächtigen Strom von Sternen in der Umgebung dieses Systems aufgespürt. Die Beobachtungen von Martínez-Delgado und seinen Kollegen, sowie einem zweiten Team um Michael Rich von der University of California in Los Angeles zeigen nun, dass es sich bei dieser Sternenansammlung ebenfalls um eine Zwerggalaxie handelt, die allerdings noch kleiner als NGC 4449 ist. Das nun NGC 4449B getaufte Objekt zeigt eine auffällig gestörte Struktur. Das werten die Himmelsforscher als Indiz dafür, dass das kleinere System schon einmal nahe an dem größeren vorbei gezogen ist und nun kurz davor steht, von NGC 4449 endgültig verschluckt zu werden. Wobei „kurz davor" astronomisch gesehen immer noch einen Zeitraum von mehreren hundert Millionen Jahren umfasst.


Massenabschätzungen der Astronomen für NGC 4449B deuten darauf hin, dass die Miniatur-Milchstraße beträchtliche Mengen an Dunkler Materie enthält. Diese geheimnisvolle Substanz sendet selbst kein Licht aus und macht sich nur durch ihre Schwerkraft bemerkbar. Galaxien, die sehr viel Dunkle Materie enthalten und nur wenige leuchtende Sterne, sind nur schwer zu beobachten. Andererseits können sie aber bei einer Verschmelzung trotzdem einen signifikanten Einfluss auf Form, Größe und Dynamik der größeren Galaxie ausüben. Die Zwergenmahlzeit von NGC 4449 könnte nach Ansicht von Martinez-Delgado ein Beispiel für eine solche „versteckten Verschmelzung" sein.

Quellen:
arxiv.org/abs/1112.2154
www.nature.com/nature/journal/v482/n7384/full/nature10837.html