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SETI - Die wissenschaftliche Suche nach außerirdischen Zivilisationen

Rezension von: Dr. Bernd Hoffmann (Rezensent) | | Verlag

Dieses Buch ist in der Bücherreihe des Online-Magazins "Telepolis" erschienen, die nach dem Selbstverständnis des Verlages "über den Tellerrand eingefahrener Abgrenzungen hinausschaut und Phänomene der digitalen Kultur und der Wissenschaft erörtert". Wer zumindest von Zeit zu Zeit Artikel des Online-Magazins liest, kennt den nicht unumstrittenen Stil der dortigen Publikationen.

Der Wissenschaftsjournalist Harald Zaun gehört zu den bekanntesten und produktivsten Autoren Deutschlands. Zusammen mit Harald Lesch, der auch das Vorwort zu diesem Buch geschrieben hat, hat er vor zwei Jahren das Buch "Die kürzeste Geschichte allen Lebens: Eine Reportage über 13,7 Milliarden Jahre Werden und Vergehen" geschrieben. Den Lesern von astronomie.de ist er sicherlich von seinen Interviews mit Wissenschaftlern bekannt (http://www.astronomie.de/bibliothek/interviews/). Zaun ist Herausgeber von mehreren Wissenschaftsmagazinen, die ebenfalls im Verlag der Internetplattform Telepolis, die zum Heise-Verlag gehört, erschienen sind und sich mit astronomischen und kosmologischen Themen beschäftigen. Mir ist er zum ersten mal mit dem Buch "Der Urknall - Anfang und Ende den Universums" aufgefallen, das er zusammen mit H.-J. Blome 2004 veröffentlicht hatte (zwar nicht mehr ganz aktuell, dabei noch immer lesenswert).

Gegliedert ist das mit 320 Seiten recht umfangreiche Buch in elf große Kapitel, die wiederum in durchschnittlich fünf kleinere unterteilt sind.

Das Buch ist inhaltlich überwiegend chronologisch aufgebaut. Beginnend mit den ersten Überlegungen der Antike, werden verschiedene Aspekte und Techniken der Suche nach außerirdischen Intelligenzen im Kontext der Zeit diskutiert. Damit besitzt es erst einmal den Charakter eines Geschichtsbuches. Die Entwicklungen in diesem Wissenschaftszweig, der weit über die bekannte Botschaft von Arecibo und dem Bildschirmschoner SETI@Home hinausgeht, werden spannend geschildert. Grade da diese ganzen Bemühungen bislang noch keinen einzigen letztendlichen Erfolgt erbracht haben, ist es interessant zu erfahren, wie und mit welchen Argumenten es den Anhängern immer wieder gelang, alle neuen Entwicklungen in den Bereichen der Radioastronomie und der optischen Astronomie für ihre Zwecke einzusetzen und dies auch noch finanziert zu bekommen. Diese Teilerfolge und die vielen Rückschläge werden sehr detailliert geschildert. Zusätzlich werden auch Ausblicke in die Zukunft der SETI-Forschung beschrieben. Dies liest sich noch sehr spekulativ, auch wenn die Ideen durchaus prinzipiell machbar sind. Zusammengesetzte Riesenteleskope auf der Erde, im Weltraum und auf dem Mond, die ein Auflösungsvermögen erreichen sollen, um Details auf Exoplaneten zu untersuchen ... Das mag bei dem ein oder andere Leser durchaus eine große Portion Skepsis hervorrufen.

Positiv ist auch die Tatsache, dass viele Aussagen mit Quellen belegt sind, so dass die Möglichkeit offen ist, auch diese zu studieren. Weiterhin fällt auf, dass in dem Buch keine einzige Abbildung zu finden ist.

Leider driftet es zu einem einzigen Plädoyer pro SETI ab, worunter eine ausgewogene Betrachtungsweise leidet. Die Argumentation der Gegner wird fast vollständig ignoriert, obwohl die wissenschaftliche Auseinandersetzung pro und contra SETI besonders spannend ist und man die Argumente der Gegner nicht so ohne weiteres von der Hand weisen kann. Mit einem "nur wer sucht, hat auch die Chance, etwas zu finden" kommt man nicht weit und löst auch nicht die finanziellen Probleme der Suchprogramme. Richtig skurril wird es, wenn als Argument anbracht wird, dass seit dem Altertum viele durchaus kluge und bekannte Köpfe von einem belebtem Weltraum ausgingen. Wir wir wissen, lagen alle falsch, zumindest was das blühende Leben auf Mond und Mars anbelangt. Und genauso falsch können auch die jetzigen Enthusiasten liegen.

Des Weiteren wird zwar viel über die Schwierigkeiten des Empfanges erzählt, aber über die Problematik, die notwendige Sendeleistung (und damit zusammenhängend die nutzbare Bandbreite und beigegebenem Signal-Rausch-Verhältnis) zu erreichen, wird im Wesentlichen nur vermerkt, dass die Anderen sicherlich viel fortschrittlicher sein werden und es schon irgendwie hinbekommen (außer, die dortigen Politiker sind zu kleinmütig, dies zu finanzieren). Aber die Vorstellung, dass die Außerirdischen mit den gleichen physikalischen Problemen wie wir zu kämpfen haben, weil sich die Physik nicht unterscheidet (was man auch voraussetzt, um überhaupt mit ihnen kommunizieren zu können), fehlt. Nur vereinzelt werden diese Fragestellungen angedeutet, z.B. bei der Vorstellung des optischen SETI.

Allein das letzte Kapitel über die Risiken eines aktives SETI, also dem Senden von Nachrichten an potentielle außerirdischen Zivilisationen, beleuchtet Meinungsverschiedenheiten über die Gefahr, eine gefährliche Zivilisation zu kontaktieren, von beiden Seiten.

Der Autor bemängelt einerseits die pseudoreligiöse Position, die SETI bei einigen Zeitgenossen eingenommen hat und verweist darauf, dass SETI sich zu einer ernsthaften Wissenschaft entwickelt hat, leider wird dieses Buch auf der anderen Seite ebenfalls dem nicht gerecht. Durch die Einseitigkeit der Darstellung und dem Ausblenden der ebenfalls wissenschaftlich fundierten Gegenargumente bestärkt der Autor grade die "Glaubensfrage". Man glaubt letztendlich, weil es auf der Erde Leben gibt, muss es auch woanders im Universum intelligentes leben existieren, man glaubt, weil die Menschen eine gewisse geschichtliche Entwicklung durchgemacht haben, müssen dies andere Zivilisationen auch durchleben. Grade die Extrapolation der menschlichen Kultur auf unbekannte Wesen, von denen wir noch nicht mal ihre Existenz kennen, erscheint mehr als fraglich. Hier, aber auch generell im ganzen Buch, hätte ich mir mehr wissenschaftliche Substanz gewünscht.

Dennoch, dieses Buch ist sicherlich eine Bereicherung für alle diejenigen, die den notwendigen Optimismus und Enthusiasmus haben, sich mit SETI zu beschäftigen. Und auch für alle, die eine Einführung und eine geschichtliche Zusammenfassung der Entwicklung, spannend geschrieben, lesen wollen, ist dieses Buch ein Muss.

TitelSETI - Die wissenschaftliche Suche nach außerirdischen Zivilisationen
Autor:Harald Zaun
Verlag:Heise Zeitschriften Verlag GmbH
ISBN:978-3936931570
Jahr:2010
Infos:http://d-nb.info/993633943