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34. Woche - Der Reflexionsnebel vdB 141

| Astrofoto der Woche

Ein wunderschöner Reflexionsnebel mit interessanter Nachbarschaft  ist vdB 141 (Sh2-136) im Sternbild Cepheus. Walter Leonhard Schramböck hat das 58,4' x 58,4' große Bildfeld (Norden oben, Osten links) in der Zeit vom 30.05.2023-13.06.2023 als LRGB-Bild aufgenommen. Der Aufnahmeort Füllersdorf (Niederösterreich) liegt etwa 35 km nordnordwestlich von Wien. Für die Himmelsqualität gibt der  Bildautor Bortle 4 an. Als Teleskop kam ein 130-mm-Newton von Skywatcher mit f = 650 mm zum Einsatz. Kamera war eine ZWO ASI533MM-Pro. Inzwischen haben diese CMOS-Kameras ja die CCD-Kameras bei den Amateur-Astrofotografen klar hinter sich gelassen! Die Gesamtbelichtungszeit betrug 14 h 49 min. Die Einzelbelichtungen: 369 x 60 s (L), 75 x 120 s (R), 109 x 120 s (G) und 76 x 120 s (B). Weitere technische Details: GPU-Optics Komakorrektor, automatisches Filterrad, elektronische Fokussierhilfe, Teleskoptubus zusätzlich innen mit Velours geschwärzt, Nachführung: ZWO AM5, Steuerung: ZWO ASIAIR Pro.

Was zeigt das AdW und was lernen wir über den astronomischen Hintergrund zum Motiv? Mitten im Bild ist der gelbliche, irreguläre Nebel vdB 141 zu sehen, benannt nach Sidney van den Bergh, einem bekannten kanadischen Astronomen und gebürtigem Niederländer. In dem Nebel befindet sich der beleuchtende Stern BD+67°1300 (BD-Sterne sind diejenigen aus der Bonner Durchmusterung). Sein Spektrum ist G8, was in der Tat eine weißlich gelbe Eigenfarbe bedeutet. Van den Bergh gibt eine scheinbare V-Helligkeit von 9,4 mag an, während in der Datenbank Simbad 10,8 mag gelistet werden. Was van den Bergh noch herausfand: (a) Sein Nebel Nr. 141 ist vom Typ I. Das heißt: Er liegt im Nebel eingebettet. Sterne des Typs II hingegen liegen außerhalb. (b) Die Nebelfarbe wird als "R" (Rot) bezeichnet, denn der Durchmesser auf den rotempfindlichen Fotoplatten wird mit 4,2' angegeben, der Blau-Durchmesser mit nur 1,7'. Und dennoch ist das Objekt keine HII-Region, sondern ein Reflexionsnebel. Van den Bergh veröffentlichte 1966 seinen Katalog der Reflexionsnebel: "A Study of Reflection Nebulae", Astronom. J. 71, 990-998 (12/1966). Das war sieben Jahre später als die Veröffentlichung von Steward Sharpless: "A Catalogue of H II Regions", Astrophys. J. Suppl. 4, 257 (12/1959). Dass die Sharpless-Katalogisierung für dieses Objekt weniger gebräuchlich ist als die von van den Bergh, mag daran liegen, dass Sharpless seinen Nebel Sh2-136 als HII-Region angesehen hat - es gab keine Kommentierung zur Nebelfarbe. HII-Region: leider falsch.

Die Parallaxe von BD+67°1300 ergibt eine Entfernung von rund 1100 Lichtjahren, so dass die aus der unsicheren Fotometrie ermittelten diversen Entfernungswerte älterer Zeit nun der Vergangenheit angehören. Und mit der bekannten Sternentfernung haben wir also auch die endgültige Nebelentfernung.

Nach Nordosten schließt sich an vdB 141 eine blasenförmige Ausstülpung an. Das ist die Dunkelwolke LDN 1177. Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: In den 1960er und 1970er Jahren waren diejenigen Stellen auf den Fotoplatten dunkel, an denen Sternenarmut herrscht. Erst heute wird klar, dass Dunkelwolken auch "hell" sind, d.h. einen hellen Rand aufweisen - je nach Belichtungszeit. Das Zentrum von LDN 1177 ist eine wirklich dunkle Stelle mit der Bezeichnung [CB88] 230-1. Hier verbirgt sich eine überlagerte Molekülwolke. Bemerkenswert darin ist die kometenförmige winzige Aufhellung. Das ist ein Jet der aufgrund eines eingebetteten, jungen Protosterns zustande kommt. Wer mehr darüber erfahren möchte: Clemens D.P., Barvainis R., 1988: "A catalog of small, optically selected molecular clouds: optical, infrared, and millimeter properties; Astrophys. J. Suppl. Ser. 68, 257-286. Und der Jet, den weder van den Bergh noch Sharpless mit ihren damaligen Mittel entdecken konnten, wird schön beschrieben in:

Massi F. et al., 2008: The low-mass YSO CB230-A: investigating the protostar and its jet with NIR spectroscopy and Spitzer observations", Astron. & Astrophys. 490, 1079-1091. Ganz offensichtlich ist diese kombinierte Staub- und Molekülwolke Ort der Sternentstehung.

Jetzt Wechsel zur Westseite von vdB 141. Das um 180° gedrehte Zusatzbild zeigt einen interessanten Anblick. Erst einmal entdeckt man, dass vdB 141 nur die hellste Intensitätsspitze einer großen, insgesamt lichtschwachen Nebelwolke darstellt. Links des hellen Nebels zeigen sich zwei Figuren, die ihre "Ärmchen" hochrecken. Aufgrund dieser seltsamen "Geister" trägt vdB 141 (falsch - nicht vdB 141, sondern der gesamte, lichtschwache Nebel) den populären Namen "Ghost Nebula".

Wieder ins Hauptbild gewechselt: Etwa 13' südlich von vdB 141 liegt ein weiterer "geistförmiger" Nebel. So wird an den nach Süden aufgehellten und strukturierten Rändern aller Geister sichtbar, dass es in dieser Nebellandschaft offensichtlich einen von Sternen erzeugten strömenden Wind gibt, auch wenn dieser Stern sich nicht im Bild zeigt.

Anmerkungen: Das AdW gefällt durch seine realistische Farbwiedergabe (die natürlich ein wenig in der Sättigung angehoben ist ...). Schön empfinde ich, dass hier keine Rauschreduzierung "bis zum Abwinken" vorgenommen wurde. Daher einen herzlichen Dank an Walter Leonhard Schramböck! Und nicht zu vergessen: Das AdW-Team gratuliert hoch erfreut zum Astrofoto der Woche.

 

Peter Riepe
Bildautor: Walter Leonhard Schramböck

 

Koordinaten (J2000.0) von vdB 141:
RA = 21 h 16 min 26,0 s, Dec = +68° 15' 36"

 



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