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35. Woche - Im dunklen Bereich des Schwans

| Astrofoto der Woche

Wir stoßen heute in ein vermeintlich wenig spektakuläres Gebiet im Sternbild Schwan vor. Dieses Gebiet liegt etwa 3,5° südöstlich der Verbindungslinie Gamma Cygni / NGC 6888. Wenig spektakulär ist es aber nur deshalb, weil es sich um einen wenig beachteten Himmelsabschnitt handelt. Und dennoch hat unser Bildautor Andreas Kempter ein interessantes Gebiet herausgesucht, das zeigt sich gleich. Übrigens - Andreas Kempter ist neu im Kreis der AdW-Astrofotografen, daher hier offiziell zunächst ein herzliches Willkommen! Das Bildfeld misst 2° x 1° 22'  und zeigt eine etwas ungewöhnliche Orientierung: Norden liegt rechts unten auf 16 Uhr, Osten entsprechend rechts oben auf 13 Uhr.

Aufnahmeort war Hünstetten im Taunuskreis, etwa 40 km nordwestlich von Frankfurt/Main gelegen. Als Teleskope kamen zwei Takahashi TSA 120 mit 120 mm Öffnung zum Einsatz. Die Brennweite von 900 mm wurde per Reducer auf 630 mm verringert. Kameras waren (a) eine ZWO ASI2600MM (Pro) sowie (b) eine ZWO ASI2600MC (Pro). Belichtet wurde wie folgt: RGB mit der One Shot Camera 184 x 60 s, Hα 43 x 360 s und 126 x 120 s, und das sind 11 h 34 min insgesamt. Dazu noch eine Erläuterung des Bildautors: "Die Farbaufnahmen entstanden in der Nacht vom 13.06. auf den 14.06.2023, die Hα-Aufnahmen in der darauf folgenden Nacht mit einem Doppelsetup mit jeweils einem Apo auf der Skywatcher AZ EQ 6 GT und der EQ6 R-Pro. Das Aufnahmefenster lag zwischen 23:15 und 03:30 Uhr. Als Guidescopes diente jeweils ein TS 80 mm Leitrohr mit einer Brennweite von 328 mm und einer ASI 120 Mini Mono und der ASI 174MM. Der Guidingfehler lag zu Beginn der Session bei etwas über 0,55 Bogensekunden. Als Filter kam der Astronomik Hα-CCD-Filter (Ø 36 mm, HWB 6 nm) zum Einsatz in einem ZWO EFW 7x36. Alles wurde aufgenommen in durchgehender nautischer Dämmerung bei Gain 100, Temperatur -15°C, Autoguiding mit PHD2, Aufnahmesoftware N.I.N.A., Bildbearbeitung in PixInsight, weitere Bearbeitung in Luminar 4." Soweit der Bildautor.

Nun gehen wir näher ins AdW. Am auffälligsten ist, dass hier keine dunkle Zone vorliegt, sondern eine mit schwachen Emissionsnebeln prall gefüllte "Nebellandschaft".  Dazu noch einmal der Bildautor: "Ziel war es, eine Region im Schwan abzulichten, die abseits der prominenten Ziele liegt, aber dennoch mit interessanten Hα- und Dunkelnebelstrukturen aufwarten kann. Die Auswahl der Region erfolgte in Stellarium. Interessant in diesem Feld sind der bipolare planetarische Nebel Sh2-106 sowie die ´Nebelwolke´ um den Stern 44 Cyg herum."

Jetzt wird aber erst einmal ein "Zahn gezogen": Sh2-106 ist kein PN! Das hat die Astrophysik schon längst herausgefunden. Sh2-106, der kleine mehrteilige Nebel rechts unten, ist in der Tat bipolar. Aber man spricht inzwischen von einer HII-Region. Grund: Im Scheitel der beiden bipolaren Hälften sitzt ein sehr junger Stern des Spektraltyps O9 bis B0. Er sorgt mit seiner immens hohen UV-Energie für die Anregung und Emission des umgebenden bipolaren Nebels. Ein PN dagegen hat immer (!) einen uralten, sterbenden Stern als Zentrum - üblicherweise einen Weißen Zwerg. Der Zentralstern von Sh2-106 ist allerdings im Staub und Gas versteckt, er kann nur mittels IR-Aufnahmen identifiziert werden, denn die Extinktion ist hier extrem hoch mit 13,4 mag Absorption im visuellen Licht. In solchen IR-Aufnahmen (K-Band) wurde auch ein Sternhaufen innerhalb des Nebels gefunden, dem der Zentralstern namens IRS4 = 2MASS J20272677+3722477 angehört.

Also: Sternenststehung in einer jungen HII-Region. Dazu gibt es eine spannende Arbeit von K.-W. Hodapp und J. Rayner: The S106 Star-Forming Region; Astronom. J. 102, p. 1108 (9/1991). Sie fanden heraus, dass Sh2-106 bei einer angenommenen Entfernung von 600 Parsec (ca. 1960 Lj) von einem nur 2 Lichtjahre durchmessenden Protocluster durchsetzt ist. Dieser Haufen hat ca. 160 Sterne und umfasst etwa 140 Sonnenmassen. Er wird auf ein Alter von nur 1 bis 2 Mio. Jahren geschätzt. Kurz nach seiner "Geburt" bildete der Zentralstern IRS4 innerhalb der Molekülwolke (aus der er entstand) einen bipolaren Jet aus. Und der ist aktuell dabei, alles Gas aus dem internen Sternhaufen herauszublasen. Damit wird eine weitere Sternentstehung unterbunden.

In der rechten oberen Bildecke sitzt ein bläulich leuchtender Nebel, der den Stern 44 Cygni umgibt. Er misst hier im AdW 11,2' im Durchmesser. Dieser Nebel mit der Katalognummer GN 20.29.1 ist ein Reflexionsnebel (engl. reflection nebula). Lädt man das AdW herunter (siehe unten hinter dem Bericht), dann kann man ins Detail gehen. Der Stern ist gar nicht blau! Auch der Nebel ist eher schmutzig-grau. Ursache: 44 Cygni ist vom Spektraltyp F8, hat demnach eine gelblich-weiße Eigenfarbe, die hier im AdW deutlich zum Ausdruck kommt. Etwas ist sehr merkwürdig: Die Datenbank Simbad nennt GN 20.29.1 zwar einen Reflexionsnebel. Gleichzeitig ist dieser Nebel aber als LBN 076.41-01.45 bzw. LBN 218 katalogisiert. Und dieses Objekt, welches deckungsgleich ist mit dem Reflexionsnebel, nennt Simbad fälschlicherweise eine HII-Region! Frau Lynds hat in ihrem LBN aber klar darauf hingewiesen, dass ihr 10' x 10' großer LBN 218 blau leuchtet.

Es ergibt keinen Sinn, in diesem herrlichen Nebelbild Katalognummern für die einzelnen Nebelanteile zu suchen. Je lichtschwächer diese Nebel sind, desto mehr zeigt sich, dass sie miteinander verwoben sind und keine Abgrenzungen aufweisen. Nur für eine weitere helle HII-Region (für die gilt allerdings das gerade Gesagte auch) habe ich eine Katalonummer gefunden. Das ist ca. 15' unterhalb von 44 Cygni (in Wirklichkeit nordwestlich) LBN 076.42-01.19 = LBN 219. Von dort aus schwingt sich bogenförmig ein HII-Stück über Sh2-106 hinaus nach links bis zur mittigen unteren Bildkante, um von dort nach links oben als Doppelbogen wieder anzusteigen. Solche Strukturen begeistern!

Anmerkungen: Es ist inzwischen ja schon normal, dass Sterne und Nebel separat bildbearbeitet werden. Das geschah auch hier. Das Zusatzbild 1 zeigt eine Variante, bei der die Sterne deutlich stärker reduziert wurden und dafür der Nebel separat bearbeitet werden konnte. Dadurch kommen einige Feinstrukturen besser zur Geltung. Ich (P.R.) darf zugeben, dass ich diese Variante nicht so sehr mag und deshalb um die sternreichere AdW-Variante gebeten hatte. Jeder hat da halt so seine Vorstellungen über die Natürlichkeit der dargestellten Himmelsabschnitte. Dafür dem Bildautor noch einmal Dank! Aber ich akzeptiere auch, dass der ein oder andere bestimmte Bildpartieen durch "bildbearbeitende Maßnahmen" hervorheben will, was wir hier ja auch machen konnten. Und noch ein Zusatzbild 2: Es zeigt eine Detailansicht um Sh2-106, stark vergrößert aus dem Zusatzbild 1, im Vergleich zu einer Darstellung von Sh2-106 aus dem Deep-Sky-Survey (POSS R). Beide Teilbilder sind etwa gleich in Kontrast und Helligkeit angehoben. Hinsichtlich der Wiedergabe schwacher HII-Regionen ist da gar nicht so viel Unterschied.

Das AdW besticht durch seine farbliche Wiedergabe lichtschwächster Nebel. Belichtungszeit ist eben das Wichtigste bezüglich der Deep-Sky-Objekte!!! Und auch die Sternfarben treffen gut zu, obwohl es sich hier um ein "Falschfarbenbild" handelt. Dafür einen ganz herzlichen Dank an Andreas Kempter und die Gratulation des AdW-Teams zum Astrofoto der Woche.

 

Peter Riepe
Bildautor: Andreas Kempter

 

Koordinaten (J2000.0) von Sh2-106:
RA = 20 h 27 min 26,8 s, Dec = +37° 22' 49"

 

 


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