Astro-Tims Sternstunden

Ich muss zugeben, dass ich nicht wirklich wusste, was mich bei diesem Buch erwartet. „Unsere Zukunft beginnt im All“, verspricht der Untertitel. Also wohl irgendwas mit Sternstunden und großen Meilensteinen der Raumfahrt, wahrscheinlich in Form von kurzen Essays, oder?
Das Buch hatte auch deshalb mein Interesse geweckt, weil der Autor als erfolgreicher Youtuber beworben wird (immerhin mit über 300.000 Abonnenten) und mir bislang vollkommen entgangen war, obwohl Astronomie in meiner Suchhistorie auf Youtube durchaus vertreten ist. Als ich das Buch in den Händen hielt, suchte ich dann auch einmal auf Youtube nach dem Astro-Tim. Die ersten Treffer?
- „Voyager hat eine MYSTERIÖSE FEUERWAND AM RANDE DES SONNENSYSTEMS entdeckt!“
- „WAS PASSIERT HIER?! In der Antarktis ist ein GIGANTISCHES LOCH aufgetaucht…😨“
- „Die NASA hat gerade etwas am RAND DES UNIVERSUMS entdeckt - und es verändert alles!“
- „DIE EISZEIT KOMMT!😨 Wissenschaftler haben einen GEHEIMEN ERDZYKLUS entdeckt…“
- „STERN RAST AUF DAS SONNENSYSTEM ZU!😳 Diese kosmische Katastrophe kann NIEMAND aufhalten!“
Uiuiui. Clickbait und Alarmismus par excellence. Kein Wunder, dass ich noch keines seiner Videos gesehen habe.
Aber gut, Kosmos ist jetzt ja kein unseriöser Verlag, also gebe ich dem Buch eine Chance. Das Werk beginnt aufmunternd: In einer Zeit voller Katastrophen und Schwarzseher (und das bei den Videotiteln!) will der Autor ein positives Bild verbreiten. Das Buch will ein Aufruf sein, mit Vorfreude und Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Klingt ja schon mal gut. Social Media ist heutzutage auf Doomscrolling optimiert, und es scheint tatsächlich so, dass wir statt der Star-Trek-Zukunft eher auf Mad Max zusteuern. Da tut etwas Optimismus gut.
Und optimistisch ist der Astro-Tim. Aber Vorsicht: Wer ein Sachbuch erwartet, wird enttäuscht werden. Auf etwas mehr als 200 Seiten entwirft er eine Future History – also eine mögliche Zukunft der Menschheit über die nächsten tausend Jahre, in der es keine Katastrophen gibt und jeglicher Zukunfts- und Technikglaube wahr wird. Eingestreut sind einige Science Facts als Info-Blöcke, aber das Buch selbst ist kein Sachbuch im eigentlichen Sinne – dazu fehlt den Visionen doch die Tiefe – und auch keine Science Fiction, dazu fehlt die Story, auch wenn er immer wieder Interview-Passagen einbaut. Das Ganze ähnelt eher den Grundgerüsten, die Wortschmiede wie Robert A. Heinlein (den er auch zitiert) oder Larry Niven als Hintergrund für ihre weitblickenden Geschichten der Zukunft verwendeten. Dafür hat er auch einige Sci-Fi-Referenzen eingebaut – die lasse ich mir hier in der Rezension auch nicht nehmen.
Das Konzept ist gar nicht schlecht: Er pickt sich Zeiten 50, 100, 200, 400, 800 und 1000 Jahre in der Zukunft aus und spekuliert, wie weit wir es bis dahin bringen können. Um das einzuordnen, wirft er auch einen Blick genauso weit in die Vergangenheit, wobei er das Mittelalter ziemlich finster darstellt.
Beim Schreibstil merkt man dann den Youtuber: Er ist ziemlich flapsig, wie man es eher bei einem Youtube-Video als bei einem ernsthaften, wenn auch spekulativen Buch erwartet. Gespickt ist der Text mit einer Mischung aus Humor und Sarkasmus. Den muss man mögen, meine Wellenlänge ist er nicht. Humor, da war doch was – stimmt, Tim Ruster macht die Astro Comics (https://www.astronomie.de/astrocomics/1). Mit den Comics erhalten Sie schonmal einen Einblick in seinen Stil. Wenn Personen wie Weyland Harkonnen, Nichelle Sulu, Riker Solo oder ein Yutani Logistics Konzern zitiert werden, sind mir persönlich die Anspielungen aber etwas zu flach. Davon abgesehen liest sich das Buch flott, auch weil er nirgends zu sehr in die Tiefe geht. Wer mehr über die Techniken wissen will, findet immerhin die richtigen Suchwörter und einige Quellenangaben am Ende des Buchs.
Wie dem auch sei, es geht ja eigentlich darum, wie er sich die Zukunft vorstellt. Und da steht der Technikgläubigkeit nichts im Wege: In 50 Jahren haben wir nicht nur die erste Stadt auf dem Mond, sondern auch die erste Siedlung auf dem Mars! Und auf der Erde? Dank Raumfahrttechnik gibt es keinen Wassermangel mehr und keine Müllberge, alles wird perfekt recycelt. Die Pflanzen wurden per Gentechnik so angepasst, dass sie weniger Wasser brauchen, und Mininuklearreaktoren liefern CO2-freie Energie. Wohin mit dem Atommüll? Egal, der wird bestimmt auch recycelt. Energieknappheit ist kein Problem mehr, und mit Quantencomputern wurde der Klimawandel „wegprogrammiert“. Alles kein Problem. Wer braucht schon Gletscherwasser in Flüssen, wenn die Städte mit Hydroponik und recyceltem Wasser versorgt werden… Mit den Luftfiltern der Marsstation ist die Luftverschmutzung auch Geschichte, und das Leben der Menschen auf dem Mars ist im Big-Brother-Livestream auf Youtube zu sehen und sorgt für Abwechslung. Schöne neue Welt!
In 100 Jahren sorgen dann Solarkraftwerke im Erdorbit für unbegrenzte kostenlose Energie auf der ganzen Welt, der Asteroidenbergbau sorgt für unbegrenzte Rohstoffe ohne irdische Umweltverschmutzung, und wir haben sogar Unterwasserstädte. Natürlich sind die Rohstoffe dann auch billig verfügbar – es gibt keine Megacorporations, die mit Monopolen satte Gewinne machen. Die Bewunderung für Elon Musk klingt zwischen den Zeilen durch.
Schon in 200 Jahren ist es dann soweit: Wir haben das Problem des Kryoschlafs gelöst und gründen ohne Probleme die erste Kolonie bei Proxima Centauri. Die Lebenserwartung verdoppelt sich – Überbevölkerung ist trotzdem kein Thema. Gleichzeitig sind die Menschen auf der Erde dank der Fortschritte von VR und Neurotechnologie ständig mit Computern vernetzt, vielleicht hat das das Bevölkerungsproblem ja gelöst. Man muss nichts mehr lernen, Wissen wird einfach heruntergeladen. Die Matrix lässt grüßen… Das Leben verschiebt sich in die virtuellen Welten. Gedanken und Emotionen können ungefiltert geteilt werden, Grenzen zwischen Kulturen und Kontinenten werden überwunden, und das Gemeinschaftsgefühl wächst. (Wie gut das funktioniert, zeigt ja der gesittete Umgang in unserem Internet. (A propos SciFi-Verweise: Erinnern Sie sich an den Babelfisch, der die Sprachbarriere niederriss und so für mehr blutige Kriege sorgte als jemals zuvor in der Geschichte des Universums? Aber in dieser optimistischen Future History geht ja nichts schief, alle Probleme sind lösbar.)
In 400 Jahren haben wir den Warp-Antrieb und kolonisieren die nächsten Nachbarstensysteme. Per Biotechnik werden die Menschen (natürlich nur die Freiwilligen) an die neuen Lebensräume angepasst, wie Dr. Gattaca Mendel (noch so ein Holzhammer-Name) im Interview erklärt. Derweil ist Künstliche Intelligenz unschätzbar wertvoll geworden. Wer Fragen hat oder wissenschaftliche Analysen hat, muss nur die KI fragen. Aber immer höflich sein und öfter mal loben, auf den Sternenschiffen kontrolliert sie auch die Schwerkraft… Auf der Erde verbringen die Menschen immer mehr Zeit online, in den virtuellen Welten, in denen sie ein neues Verständnis miteinander finden und alles Wissen teilen, während die Straßen leer sind.
Nochmal 400 Jahre weiter: In 800 Jahren bauen wir die erste Dyson-Sphäre. Das Energieproble ist ja schon lange gelöst, aber wozu Energie ungenutzt lassen? Grenzen des Wachstums gibt es nicht. Um Stufe 2 der Kardaschow-Skala zu erreichen und nicht nur alle Ressourcen der Erde, sondern auch die der Sonne zu nutzen, werden Jupiter und Merkur zu einer Dyson-Sphäre verarbeitet. Wozu? Bigger, better, faster, more! Die Kolonisten der Jupitermonde werden natürlich nicht gefragt, es geht um Fortschritt und noch mehr unbegrenzte Energie, dem darf nichts im Weg stehen. Die Sphäre nächste entsteht bei Proxima Centauri – die Siedler dort waren nicht begeistert, aber billiger Strom war das schlagende Element. (War das Energieproblem nicht schonmal mit Solarstrom gelöst?) Zur Konstruktion werden von-Neumann-Maschinen gebaut – wird schon nichts schief gehen, wenn man Maschinen baut, die Planeten zu Energiesatelliten verarbeiten, da werden gewiss keine Berserker entstehen. Damit ist endlich auch genug Energie da, um ganze Sonnen mit Matrjoschka-Computern einzuhüllen und ganze Universen zu simulieren.
Natürlich ist die KI freundlich und allwissend, Computer wie Deep Thought oder Haktar sind undenkbar. Diese Matrjoschka-Computer beweisen auch endgültig, dass Ananas nicht auf Pizza gehört – was dann in allen Kolonien als erwiesenes Naturgesetz gilt. („Und das muss ich mir von einer Maschine sagen lassen“ – na, welcher Film war das, mit welchem Computer?) Das ist wohl als Witz gedacht, aber die optimistische Zukunft, die uns Astro-Tim da präsentieren will, wird doch immer mehr zur Dystopie. Die Computer nehmen uns endlich endgültig das Denken ab und haben das letzte Wort… es ist in dieser Zukunft undenkbar, dass jemand den Computer eventuell beauftragt, eine Argumentation für das gewünschte Ergebnis zu liefern? Und wir können sogar Bewusstseine in die Maschinen hochladen, die dann dort „leben“. Auf der Erde ist die Menschheit weitestgehend mit superintelligenten KIs verschmolzen und lebt in digitalen Netzwerken. Nur ein paar „natürliche“ Menschen leben noch in Habitaten (und überlegen wohl, wann sie den Zeitpunkt für Butlers Dschihad verpasst haben).
Zuletzt kommt die nächste Jahrtausendwende: Die Menschheit hat gelernt, schwarze Löcher als Energequelle zu nutzen, und mit nun wirklich unbegrenzter Energie kann erst die Andromedagalaxie und dann der Rest des Universums besiedelt werden – den Vorstoß machen natürlich dienstbare superintelligente KIs, die alles für uns vorbereiten. Fast wünscht man sich, die Menschheit würde auf Gharlane von Eddore treffen – aber könnte der sie aufhalten? Ohnehin ist es wohl Glück, dass das Universum keine weiteren höheren Spezies enthält – Glück für die Außerirdischen zumindest… Mit der Energie der Galaxis ist es möglich, das Universum auf Quantenebene zu beeinflussen und die Naturgesetze zu beeinflussen, oder in verschiedenen Realitäten zu leben. Wer weiß, vielleicht werden wir zu reinen Energiewesen (Gerne Energiewesen auf http://freefall.purrsia.com/funstuff/eff076.gif verlinken)? „Jeder Magier ist einer zu viel?“ Ach was, wir werden schließlich zu unfehlbaren Göttern, da ist kein Ragnarök vorgesehen.
Es ist eine wilde Zukunft, die Astro-Tim da entwirft. Nichts kann die Menschheit aufhalten, alle Probleme sind technisch lösbar, und der menschliche Geist wird, in welcher Form auch immer, stetig weiterforschen – und sich das Universum untertan machen, koste es, was es wolle.
Diese radikale Zukunftsgläubigkeit verkauft er uns als positiv, Irrtum ist ausgeschlossen. Man wird unterschwellig an Elon Musk erinnert, den er auch immer wieder mal zitiert. Was wir tun können, kann getan werden, und wenn es Probleme gibt, können wir die Symptome einfach mit noch mehr Technik lösen. Wir schaffen das!
Das Buch hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Als Roman, der diesen Zukunftsentwurf zwangsläufig breiter beleuchtet und sich auch mit den ökologischen und sozialen Folgen dieser Technikgläubigkeit beschäftigt, würde es wahrscheinlich besser funktionieren denn als Sachbuch.
Ich würde gerne glauben, dass das Buch eine bitterböse Satire und eine gute Warnung vor unbegrenzter Technikgläubigkeit wäre, aber ich habe doch den Eindruck, dass Astro-Tim es ernst meint. Zumindest fehlt fast jeglicher Gedanke an mögliche negative Folgen. Kritiker gibt es, aber die sind nur eine Fußnote wert. Stattdessen immer wieder: Wir schaffen das, und das Jahr 2025 ist das perfekte Sprungbrett in eine glorreiche Zukunft der Menschheit. Was technologisch machbar ist, wird gemacht. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Wer nicht mit der allmächtigen KI verschmelzen will, dem bleiben ja Naturreservate.
So ist seine Utopie ist für mich eine Dystopie – der Mensch macht sich das Universum ohne Rücksicht auf Verluste untertan, und das ist gut so! Dabei gibt er letztlich seine Menschlichkeit auf, um in virtuellen Welten mit allmächtiger KI zu Göttern zu werden – und wäre ohne die Computer doch verloren. Aber wenn ohnehin die KI alle Probleme löst und der Mensch nur Fragen stellt – wofür brauchen die Maschinen dann den Menschen?
Die Idee, zur Abwechslung wieder Optimismus für die Zukunft zu verbreiten, ist lobenswert, und diese Future History ist durchaus interessant. Das Buch ist auch ein Spiegelbestseller mit überwiegend positiven Rezensionen auf Amazon. Die Technikgläubigkeit kommt an. In einer Zeit, in der viele Menschen Large Language Modelle mit Künstlicher Intelligenz verwechselnd und ihr vertrauen, scheint das Buch seine Zielgruppe anzusprechen. Aber ohne Problembewusstsein unbegrenztes technisches Wachstum und KI als allumfassende Lösung zu propagieren, passt nicht in eine Zeit, in der bekannt ist, wie komplex unsere Umwelt ist.
Nicht falsch verstehen: Das Buch ist nicht schlecht; seine Zukunftsvision könnte durchaus im Bereich des Möglichen bzw. der heutigen Physik liegen. Aber das Konzept passt weniger zu einem modernen Sachbuch, das sich auch mit den Auswirkungen von Entscheidungen befasst, als zu einer Science-Fiction-Story aus der Ära von John Campbell. Für eine Satire ist es zu dezent, und für ein Sachbuch zu einseitig, auch wenn es genug Stichworte enthält, um sich tiefer in die Themen einzuarbeiten.
In Anbetracht der völligen Verschmelzung der Menschen mit den Computern („Wir sind Borg, Widerstand ist zwecklos?“) in Astro-Tims optimistischem Blick in die Zukunft scheint die Zukunftsvision von Mad Max gar nicht mehr so schlecht und vielleicht sogar realistischer. Auch wenn das Ödland bei weitem nicht so optimistisch ist, hat der Mensch dort immerhin seine eigenen Entscheidungen getroffen. Ob sie so viel schlechter sind?
ISBN: 978-3-440-18125-6
Autor: Tim Ruster
Seitenzahl: 224
Preis: 18,00€
https://www.kosmos.de/de/astro-tims-sternstunden_1181256_9783440181256































































































































































