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01. Woche - Auch die Kleinen sind faszinierend

| Astrofoto der Woche

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Mit diesem ersten AdW aus 2023 zunächst allen Lesern die besten Wünsche des gesamten AdW-Teams! Bleibt unserer Rubrik treu. Und vielleicht überlegt sich ja der ein oder andere unter Euch, auch einmal ein schönes Astrofoto einzusenden.

Das heutige Motiv stammt von Kai-Oliver Detken, Mitglied der VdS-Fachgruppe Astrofotografie. Er hat sich in Namibia auf der Astrofarm Kiripotib überlegt, auch Nicht-Standardobjekte in seine Planung aufzunehmen. Und so kam es zu diesem weitwinkligen Bild der Zwerggalaxie NGC 6822 im Sternbild Schütze. Das Objekt ist klein - für einige ein Grund, dafür keine Belichtungszeit zu opfern und dafür dann lieber ein ausgedehntes, buntes südliches Standardobjekt wie M 8 oder M 16 einzuplanen. Aber wenn es nicht nur um das Aussehen, sondern auch um die Ästhetik im kleinen Maßstab geht, ist NGC 6822 eine gute Wahl. Die Aufnahmeserie entstand am 29.08.2022 unter besten Bedingungen mit einem Refraktor APM APO 107/700 mm und einer Kamera von Lacerta, der DeepSkyPro2600c. Alles befand sich auf einer parallaktischen Montierung Fornax 51. Die Aufnahmebrennweite wurde mittels 0,75-fachem Riccardi Reducer/Flattener auf 525 mm verkürzt und so auf ein Öffnungsverhältnis von 1:4,9 gebracht. Als Filter wurde ein zweizölliger Nebelfilter IDAS LPS-P2-48 von Hutech verwendet (auf den in den Anmerkungen näher eingegangen wird). Die Fokussierung erfolgte über eine Cuzdi-Maske, das Autoguiding mittels Lacerta M-GEN V3. Das Dithering lief über Random Displacement mit 10 px über M-GEN V3. Belichtet wurde 5 min pro Bild, insgesamt 1,5 Stunden bei Gain 100 (High Conversion Gain - HCG). Das Bildfeld beträgt 2° 31' x 1° 41', Norden liegt oben, Osten links - diese internationale Konvention gilt natürlich auch für Objekte der Südhalbkugel.

Eines ist noch zu erwähnen. Kai-Oliver Detken schreibt: "Die Aufnahme entstand in Namibia unter besten Bedingungen. Daher konnte kürzer belichtet werden. Die im Bild sichtbaren nebelartigen Streifen sind jedenfalls nicht der Bildverarbeitung geschuldet." Dazu folgt weiter unten ein kurzer Kommentar in den Anmerkungen.

Was ist auf dem Bild zu sehen? Die Zwerggalaxie NGC 6822 besitzt eine irreguläre Form mit einem keilförmigen Fortsatz im Südosten. Ihre gesamte Nord-Süd-Ausdehnung - gemessen im Bild selbst - beträgt ~13,7'. Das jedoch bezieht sich nur auf die hellsten inneren Partien der Galaxie mit den hellsten Sternen. Die schwächeren Sterne bilden einen noch weiteren Außenkranz, gehen aber im dichten Gewirr der Milchstraßensterne unter. In der Fachliteratur werden 15,5' x 13,5' angegeben (Karachentsev et al. 2004). Im Nordbereich von NGC 6822 erkennt man bereits bei dieser kurzen Aufnahmebrennweite einige leuchtende Nebel. Das Zusatzbild 1 zeigt einen Ausschnitt aus dem auflösungsstarken PanSTARRS-Archiv, hier als Zweifachmosaik zusammengestellt. Darin sind die Namen der hellen HII-Regionen eingetragen. Es treten auch runde Nebel mit einer Blasenstruktur auf  ̶  typisch für Wolf-Rayet-Nebel. Und zahlreiche Wolf-Rayet-Sterne wurden auch gefunden (Armandroff und Massey, 1985).

NGC 6822 wurde 1884 von E. E. Barnard entdeckt, daher wird sie populärer auch als "Barnard´s Galaxy"  bezeichnet. Sie ist rund 1,53 Mio. Lichtjahre entfernt, abgeleitet aus der Fotometrie von RR Lyrae-Sternen (Clementini et al. 2003). Von ihrer Leuchtkraft her ist NGC 6822 rund 100-mal lichtschwächer als unsere Milchstraße. Aus der Entfernung und dem scheinbaren Durchmesser ist ein wahrer Durchmesser von 7350 Lichtjahren zu errechnen.

Anmerkungen:

a) Zunächst zum Hutech-Filter. Die Transmissionskurve des Filters im Zusatzbild 2 zeigt einige tiefe Transmissionsabsenkungen, z.B. um die gelbe Natriumlinie Na 589 nm und die starke grüne Quecksilberlinie Hg 546 nm. In den lichtverschmutzten Gebieten um viele europäische Großstädte und Industriezentren ist das sicherlich nützlich, denn der Kontrast Nebel/Himmelshintergrund wird dadurch verbessert. In Namibia jedoch, wo der Himmel einzigartig dunkel ist, sind diese Transmissionsabsenkungen nicht sinnvoll, weil die Emission von Na- und Hg-Lampen an den Standorten der Astrofarmen nicht auftritt. Genau das absorbierte Licht aus dem gelben und grünen Kontinuum fehlt nun dem AdW. Weitere Transmissionsabsenkungen liegen bei 630 nm und 437 nm. Der Sauerstoff hat bei [O I] 630 nm eine Emissionslinie, die nicht durch künstliche Lichtquellen verursacht wird, sondern in der Atmosphäre selbst entsteht, etwa durch Airglow (das etwa in Chile sehr stark werden kann). Die Ausschaltung dieses Störlichts per Filter ist also sinnvoll. Die Absenkung bei 437 nm ist wieder diskussionswürdig. Bei 436 nm liegt zwar eine blauviolette Hg-Emission (bedeutsam nur für Orte mit Lichtverschmutzung), aber gleichzeitig werden zwei Emissionen von Nebeln absorbiert: einmal die [OIII]-Linie des Sauerstoffs bei 436 nm (auch die gibt es, nicht nur [OIII] bei 496/500 nm), dazu auch die drittstärkste HII-Emission Hγ bei 434 nm. Auch dieser blauviolette Lichtanteil fehlt dem AdW, in erster Linie das Kontinuum für Sterne und Reflexionsnebel, aber auch für schwache, aber vorhandene Emissionsnebelanteile.

b) Zur Belichtungszeit: Weil der Himmel in Namibia exzellent ist, wurde die Belichtungszeit kurz gehalten. Dies ist keine ordentliche Schlussfolgerung, wie jetzt in c) beschrieben wird.

c) Es ist ganz einfach, die Streifen im Bild zu ergründen. So etwas ist wichtig, bevor Gradienten vermutet werden und das Bild entsprechend "behandelt" wird. Ich habe es nicht selten erlebt (hier bei AdW-Einsendungen), dass schwache Emissionsanteile, die dem Astrofotografen nicht bekannt waren, weggelöscht wurden. Das hat Kai-Oliver erfreulicherweise nicht gemacht. Schauen wir ins Zusatzbild 3. Es stammt aus dem allseits einsehbaren Himmelsatlas Aladin, der in der Datenbank Simbad verfügbar ist. Man sieht in diesem Bild, das ich in Helligkeit und Kontrast etwas angehoben habe, dass galaktischer Zirrus in jeder Menge das Himmelsfeld durchzieht. Und genau das hätte Kai-Oliver bei längerer Belichtungszeit :-))) mitbekommen. Auch so etwas trägt mit bei zu einem Deep-Sky-Foto.

d) Die Sterne zeigen eine sehr dezente Farbgebung, meiner persönlichen Empfindung nach dürfte die Farbsättigung ruhig ein klein wenig erhöht werden. Aber das ist bekanntlich immer eine Frage des ästhetischen Empfindens des Bildautors.

Wir bedanken uns für dieses gelungene Galaxienbild und freuen uns, auch einmal ein unscheinbares Objekt zeigen zu dürfen. NGC 6822 lohnt sich erst recht für längere Brennweiten! Wir gratulieren zum Astrofoto der Woche.

 

Peter Riepe
Bildautor: Kai-Oliver Detken

 

Koordinaten (J2000.0) von NGC 6822:
RA = 19 h 44 min 56,2 s, Dec = -14° 47' 51'

 

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