Aus der Geschichte

von Gernot Meiser

Der faszinierende Anblick einer total verfinsterten Sonne hat die Menschheit von alters her beschäftigt. Schon im alten Griechenland gab es Theorien, nach denen eine Sonnenfinsternis vorhergesagt werden konnte. Dennoch war die plötzliche Verdunkelung der Sonne für die meisten Menschen so überraschend, daß es immer wieder zu außergewöhnlichen Reaktionen kam.

Dazu findet man in alten Überlieferungen unter anderem auch folgende Begebenheit: Am 28. Mai 584 v. Chr. kam es im alten Griechenland, während einer Schlacht zwischen zwei feindlichen Armeen, zu einer totalen Sonnenfinsternis. Als sich dabei der Himmel verdunkelte, ließen die Kämpfer augenblicklich die Waffen fallen. Noch am selben Tag wurde auf dieses Zeichen des Himmels hin ein Friedensvertrag geschlossen.

Schlimme Folgen hatte auch das Ausgelassensein und die Pflichtvergessenheit zweier chinesischer Astronomen am Hofe des Kaisers Tschung-kangh. Die Herren Hi und Ho lebten in Saus und Braus und vergaßen dabei Würde und Aufgaben ihres Amtes als Hofastronomen. Sie gaben nicht acht auf den Lauf der Sterne und verpäßten die rechtzeitige Vorhersage einer großen Sonnenfinsternis, die, wie es im sogenannten "Schu-king" zu lesen steht, am 13. Oktober 2.128 v. Chr. gegen 12 Uhr in Tay-kon-kien stattfand.

Der "Schu-king" ("Buch der Schrift"), herausgegeben von Konfutse, ist eines der ältesten Werke der chinesischen Literatur, vielleicht sogar das älteste Werk der Welt, das alle wichtigen Ereignisse, die im Laufe der Jahrhunterte und Jahrtausende geschehen sind, erwähnt.

Nach chinesischem Glauben näherte sich bei einem solchen Ereignis ein riesigier Drache der Sonne, um sie zu verschlingen. Um ihn von dieser Tat abzuhalten und den Verlust ihres lebensspendenden Gestirns zu verhindern, zogen die Chinesen mit Trommeln und vielen anderen Gerätschaften los, um ihn durch lauten Krach und schrilles Schreien in die Flucht zu schlagen, was ihnen durch Jahrtausende hindurch jedesmal erfolgreich gelang.

Man kann sich denken, daß die Unterlassungssünde der Herren Hi und Ho, die nach Ansicht der Chinesen beinahe der Sonne das Leben gekostet hätte, den Zorn des Kaisers finden würde. Die Strafe für die beiden war fatal - sie wurden geköpft.

Also bereits damals - immerhin 1.500 Jahre vor Thales (griech. Philosoph und Mathematiker) - dachte man an die Vorausberechnung einer Sonnenfinsternis und forderte sie von den Astronomen; solche Ereignisse spielten eine wichtige Rolle in der Verwaltung des Staates, und nur so ist die erwähnte strenge Bestrafung zu erklären.

Bei dieser Geschichte handelt es sich zugleich um die früheste Erwähnung einer Sonnenfinsternis. Zwar hat der Aberglaube der Menschen die Verfinsterung der Sonne durch den Mond mit seltsamen Prophezeihungen belegt, aber schon in der wissenschaftlichen Frühzeit hat man in Chaldäa (das biblische Babylon) die astronomischen Zusammenhänge richtig erkannt und interpretiert.

Interessanterweise waren die Chinesen und die Chaldäer in ihren Forschungen und Berechnungsmöglichkeiten zur selben Zeit fast zu den gleichen Ergebnissen gelangt. Beide Völker entdeckten schon vor viertausend Jahren, daß Verfinsterungen von der Stellung des Mondes zur Sonne abhängen. Sie fanden, daß Sonnenfinsternisse nur während der Zeit des Neumondes stattfinden können, aber nicht zu jedem Neumond eintreten und erkannten dadurch, daß der Mond verschiedene Umlaufbahnen ausführt.

Diese in unseren Kulturkreisen erst viel später entdeckte Tatsache beschrieb im 6. Jahrhundert v. Chr. der babylonische Geschichtsschreiber Berosus als: "eine tägliche Auf- und Untergangsbewegung wie alle Himmelslichter, eine Bewegung in Richtung des Tierkreises wie die Sonne und gleichzeitig eine kleine Verschiebung senkrecht zum Tierkreis."

Aus diesen Aufzeichnungen geht eindeutig hervor, daß die Neigung der Mond- zur Erdbahn (Ekliptik) den Chaldäern bereits vor mehr als 2.300 Jahren bekannt gewesen sein muß. Die scheinbaren Schnittpunkte der Mondbahn mit der Ekliptik nannten sie Knoten. Hinweise hierzu findet man auf einer Keilschrifttafel aus jener Zeit:

"Sonnenfinsternisse finden nur statt, wenn zur Zeit des Neumondes die Sonne und die unsichtbare, lichtlose Mondscheibe, von der Erde aus gesehen, in Knotennähe nahe genug beieinander stehen, und zwar so, daß eine ganze oder teilweise Bedeckung der Sonne durch den Mond möglich ist."

Mondfinsternisse - auch das fanden die Chaldäer heraus - wiederholen sich in einem Abstand von 6.585 Tagen oder 223 Mondwechseln - das entspricht einem Zeitraum von 18 Jahren und 11 1/3 Tagen. Da ihnen auch bekannt war, daß die Entstehungsbedingungen von Sonnen- und Mondfinsternissen Ähnlichkeiten aufweisen, schlossen sie aus den Beobachtungen von Mondfinsternissen, daß auch Sonnenfinsternisse in den gleichen Zeitabständen auftreten.

Diese sogenannte Saros-Periode ermöglichte in den letzten Jahrhunderten v. Chr. den Priestern Babylons das Erstellen von Tafeln, aus denen Angaben über kommende Finsternisse entnommen werden konnten. Da die geographischen Kenntnisse noch unzureichend waren, konnten die Astronomen des Altertums keine besondere Genauigkeit bei der Vorhersage der Sonnenfinstrnisse erzielen, und gar manche Finsternis mag unvermutet eingetroffen sein.

Vielleicht waren also die Herren Hi und Ho weniger schuldig, als es auf den ersten Blick erschien, und wenn Kaiser Tschung-kangh mehr von Astronomie verstanden hätte, als es offenbar der Fall war, dann hätte er seinen Hofastronomen vielleicht mildernde Umstände zugebilligt.

Entnommen: Gernot Meiser, Reise zur Finsternis, Eine vierköpfige Expedition zur totalen Sonnenfinsternis auf den Philippinen, 1989, Verlag GM-Publikationen, Saarlouis, ISBN 3-927852-89-9.

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